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C. Frühe Freunde: die Asriels und die Waldingers

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Beim zweiten Aufenthalt der Familie Canetti 1923 in Wien war die wohnliche Nähe zu den Asriels am Praterstern wie auch zur Ferdinandstrasse 29 mit Veza und ihren Eltern noch grösser als beim ersten Aufenthalt in Wien zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Brüder Elias und Georges waren einige Monate vor Mutter und Bruder in die Praterstrasse 22 gezogen. Als wichtiger Treffpunkt nicht nur für die Canettis entwickelte sich das Haus Asriel. Mehrere Anläufe in den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis dokumentieren, dass er sich sehr schwertut mit der Darstellung des Milieus rund um die Familie Asriel und insbesondere auch mit der Charakterisierung des Sohnes Hans Asriel. Ein Grund liegt wohl darin, dass Elias Canetti sich selbst die Darstellbarkeit dadurch erschwert hat, dass er sich gleichsam als Nebeneffekt wünschte, sich über den ehemaligen Freund Hans Asriel (1904–1936) Veza nähern zu können. „Während der letzten Tage habe ich mich ihr über Hans Asriel genähert.“206

„Hans Asriel, der schon als Knabe in Wien mit mir befreundet war, den ich später als Student wiedertraf und der eine Zeitlang (von 1924–1925), als ich wieder nach Wien kam, durch seine Reden über Karl Kraus und auch über vieles andere eine grosse Rolle spielte.

Im Sommer 1925, nach einer Wanderung durchs Karwendel-Gebirge, haben wir uns am Achensee ernsthaft entzweit und seither war meine Versöhnung mit ihm eine scheinbare. Er ging für eine Zeitlang nach Belgrad und schrieb mir oft von dort, und dann zu seiner Mutter Alice und den Geschwistern Walter und Noemi (?) nach Paris, wo er sich (1936) zum Fenster auf die Strasse hinausstürzte und tot liegen blieb.

Ich fühlte mich sehr durch ihn bedrückt, aber nie hatte ich begriffen, dass er das Opfer eines schizophrenen Prozesses war. Als ich, fünf Jahre vor seinem Tod, die ‚Blendung‘ schrieb (damals den ‚Brand‘), dachte ich nie an ihn. In meine Verherrlichung der Irren war er nie eingeschlossen. (…) Ich will versuchen, ihn jetzt zu verstehen, ihm bin ich wirklich etwas schuldig geblieben, wohl gab ich mir anfangs und noch eine ganze Weile danach grosse Mühe mit ihm, aber ich habe nie begriffen, wovon er bedroht war.

Er wollte, nach einer kurzen Periode der Überlegenheit durch seine Lokalkenntnis Wiens diese Stellung auch weiterhin beibehalten, aber ich gestand sie ihm nicht zu und das führte zu seinem Unglück.“207

Hans Asriel ist nicht der einzige Bezugspunkt, über den Elias Canetti sich Veza für die Umsetzung in den Publizierten Lebenserinnerungen nähern möchte, zu den Annäherungsorten und/oder -personen gehören auch die 300. Vorlesung von Karl Kraus sowie die äusserst wichtige Begegnung mit Veza Taubner in der Wohnung ihrer Tante Olga Hirsch sowie die Geschichten rund um den Stiefvater Vezas. Leider hat sich ausgerechnet die Annäherung an Veza über Hans Asriel als sehr wenig fruchtbar für die Publizierten Lebenserinnerungen erwiesen, ja sich reduziert auf die blosse Nennung von berühmten Wiener Namen, die im Hause Asriel gefallen sein müssen und in deren Serie auch Veza erwähnt wird.208 Was, wie noch zu zeigen sein wird, allerdings nicht grundlos erfolgte. Ganz weggelassen hat Elias Canetti für die Publizierten Lebenserinnerungen die Annäherung an Veza über den direktesten Weg, die Verwendung oder gegebenenfalls Zitierung des Briefwechsels zwischen ihnen, wie folgender Textausschnitt offenbart: „Sehr grosse Scheu habe ich vor dem direktesten Weg: Ich vermeide es, ihre Briefe an mich und meine an sie aus den Jahren 1925 und 1926 zu lesen. Einmal werde ich sie wohl lesen müssen; aber vorher will ich möglichst viel aus der Erinnerung niedergeschrieben haben. Ich fürchte, dass die Briefe, besonders meine, meine Vorstellungen von jener Zeit mit ihr sehr verändern könnten.“209

Aus den Publizierten Lebenserinnerungen erfährt man nichts Genaues über die Art der Beziehung von Hans Asriel zu Veza Taubner.

In den Unpublizierten Lebenserinnerungen zeigt ein ausrangiertes Kapitel, welches Elias Canetti unmittelbar nach der Lektüre von Briefen Hans Asriels aus der Zwischenkriegszeit geschrieben hatte, dass dieser auch einmal erfolglos in Veza verliebt gewesen sein muss. „Heute, nach der Lektüre jener Briefe von ihm (Hans Asriel, Anm. va), die sich erhalten haben, wüsste ich nicht mehr sicher zu sagen, was es eigentlich war, das er für mich empfand. Ich merkte damals, dass er mich um Vezas Liebe beneidete, ein- oder zweimal hatte er selbst – sehr ungeschickt – versucht, sich ihr zu nähern und wurde mit Nichtbeachtung gestraft. Er hatte sie schon viele Jahre vor mir gekannt, in den Gesprächen bei ihnen zuhause spielte sie eine grosse Rolle, vielleicht hatte ihn sogar seine Mutter zu diesen Versuchen ermuntert, es war ihr natürlich, alles ins Erotische zu wenden, und so nahm ich an, dass er auf mich eifersüchtig sei, weil Veza mich beachtete und ihn weiterhin so behandelte, wie seit Jahren immer. Es könnte aber sein, – und das ist mein neuer Zweifel –, dass er auf Veza eifersüchtig war, weil sie mich mehr und mehr okkupierte. Wohl tat ich alles, es zu verbergen, schon um keine Reden von ihm und von seiner Mutter darüber zu hören, aber es gab nichts in diese Sphäre Gehöriges, das seiner Mutter auf die Dauer entging. ‚Ich weiss es immer‘, sagte sie einmal und schüttelte leicht verzückt den Kopf, sie war an jeder Liebesgeschichte beteiligt, als wäre es die ihre.

Natürlich war während der Gespräche zwischen Veza und mir auch von Hans die Rede. Sein Name brauchte nur zu fallen, und das Leuchten zwischen uns erlosch. Es war nicht nur traurig, von ihm zu reden, man empfand es auch als sinnlos. Man hatte keine Schuldgefühle gegen ihn, das hätte niemand haben können, aber man wusste auch nicht, wie ihm zu helfen sei. Ich wurde gefragt, ob ich ihm schon geantwortet hätte und da das meistens auf der Stelle geschah, dafür gelobt, doch war es ein unlustiges Lob, keines, das mich freute und das Traurigste daran war im Grunde, dass jeder sich über seine Abwesenheit in Belgrad freute und sich wünschte, dass es ihm dort besser gehen möge, damit er dort bleibe.“210

Veza Canetti zwischen Leben und Werk

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