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Tecumseh und der Krieg von 1812

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Denise Stonefish ist Chief der Delaware Nation of Moraviantown. Ihre Gemeinde Moraviantown und ihre Reservation liegen im Südwesten der kanadischen Provinz Ontario nördlich des Eriesees, etwa 70 Kilometer westlich der Stadt London. Rund 600 Mitglieder des Volkes der Delawaren leben hier, mehr als 1100 in anderen Gemeinden Ontarios oder außerhalb der Provinz.

Chief Stonefish ist stolz auf die Geschichte ihrer First Nation, deren Ursprünge in den heutigen US-Staaten New York, New Jersey, Delaware, Maryland, Pennsylvania und Ohio liegen. Die Delawaren, oder Lunaapeew, wie sie sich selbst nennen, gründeten Siedlungen am Delaware- und am Hudson-Fluss, betrieben Landwirtschaft, jagten, fischten und führten Handel mit anderen Nationen. Sie gehörten zu den ersten indigenen Völkern Nordamerikas, die Kontakt mit den Neuankömmlingen aus Europa hatten. Aber trotz ihrer Verträge im 17. Jahrhundert mit den Holländern und 1778 mit den USA mussten sie immer wieder Land abtreten und nach Westen ziehen. So kamen die Delawaren nach Ohio, Kansas, Texas und Oklahoma.22

Stark geprägt wurde die Geschichte der Delawaren durch die »Moravian Church«, die Herrnhuter Brüdergemeine, eine protestantische Glaubensgemeinschaft mit Wurzeln im heutigen Tschechien. Ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts missionierte die »Moravian Church« indianische Völker. Die Delawaren schlossen sich dieser Glaubensgemeinschaft an und hofften, dass die Partnerschaft mit dieser Kirche Schutz vor Gewalt und Kriegswirren bieten würde. Aber wieder wurden sie Opfer von Vertreibung. 1782 überfielen amerikanische Milizen die Delawaren-Gemeinde Gnadenhütten in Ohio und töteten mehr als 90 Delawaren, darunter viele Frauen und Kinder. Vermutlich war das Gnadenhütten-Massaker der Anlass, dass Delawaren nach Kanada in das damalige Gebiet Upper Canada zogen, wo sie den Ort Schönfeld (Fairfield) gründeten. Dort lebten sie einige Jahre in Frieden, dann erreichte wieder ein Krieg ihr Gebiet.

Am 18. Juni 1812 erklärten die USA Großbritannien den Krieg. US-Truppen und -Milizen rückten über den Niagara- und den Detroit-Fluss nach Upper Canada vor. Nach zweijährigen Kämpfen und 20 000 Toten wurde 1814 im Frieden von Gent eine Grenze gezogen, die der Vorkriegsgrenze entsprach und bis heute besteht. Ob sich eine der beiden Seiten als Sieger bezeichnen kann, ist bis heute unter Historikern umstritten. Der »War of 1812« war der letzte militärische Konflikt zwischen der damaligen britischen Kolonie, dem späteren Kanada, und den USA.

Die Delawaren hatten sich der Allianz unter der Führung von Shawnee-Chief Tecumseh angeschlossen. Auch Chippewa, Mississauga, Wendat und Ottawa gehörten zu diesem Bündnis. Für die Delaware Nation of Moraviantown hatte eine Schlacht eine besondere Bedeutung: Nahe ihrer Gemeinde Schönfeld kämpfte ein Heer unter Tecumseh und seines Kriegs-Chiefs Roundhead mit Beteiligung der Delawaren gegen die US-amerikanischen Truppen. »Wir standen an der Seite von Tecumseh und den anderen alliierten Kräften, First Nations und Briten, um unser Land gegen die eindringenden amerikanischen Soldaten zu behaupten«, erzählen die Delawaren heute. Für ihre Loyalität mussten sie einen hohen Preis zahlen. Ihr Dorf auf der Nordseite des Themse-Flusses wurde von Amerikanern, die sich zurückzogen, niedergebrannt. Dennoch hatte der Kampf eine positive Folge. »Wir konnten in diesem Gebiet bleiben.« Bei einer Übernahme der Region durch die US-Milizen hätte den Delawaren eine weitere Vertreibung gedroht.


Tecumseh trifft den britischen General Isaac Brock, vermutlich 1812 zu Beginn des Krieges. Ölgemälde von Lorne K. Smith, circa 1920.

Die Schlacht vom 5. Oktober 1813, die als »Battle of the Thames« oder »Battle of Moraviantown« in die Geschichte dieses Krieges einging, endete für Tecumseh tödlich. Er wurde tödlich verwundet, als er sich nach der Flucht der Briten mit seinen Soldaten amerikanischen Truppen entgegenstellte. Wo er beerdigt wurde, ist nicht bekannt. Die Gemeinde wurde zwei Jahre später auf der anderen Seite der Themse neu aufgebaut und New Fairfield genannt. Wenig später erhielt sie den heutigen Namen Moraviantown. Ein Denkmal am Highway 2, der am Territorium der First Nation vorbeiführt, erinnert an die Schlacht und an Tecumseh.

Mehr als 10 000 Krieger der indianischen Nationen und der Métis, von den Großen Seen bis in das Tal des Sankt-Lorenz-Stroms, kämpften in den Schlachten dieses Krieges. Britische Generäle wie Sir Isaac Brock, der bereits am 13. Oktober 1812 in der Schlacht von Queenston fiel, schätzten ihre indigenen Mitstreiter als »außergewöhnliche Kämpfer«. Dass die Briten in diesem Krieg ihr kanadisches Territorium halten konnten, wird nach der gängigen kanadischen Geschichtsschreibung auch den First-Nations-Kämpfern gutgeschrieben.

Die indigenen Völker gehören aber zu den Verlierern des Krieges. Mit dem Tod von Tecumseh zerbrach seine Konföderation. In den Verhandlungen über den Friedensvertrag von Gent sollen die Briten versucht haben, die Schaffung eines »Indianerterritoriums« in den USA auszuhandeln, aber die US-Amerikaner sollen dies abgelehnt haben. Damit bedeutete der Krieg von 1812 für die indigenen Völker in »Britisch-Nordamerika« das Ende von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Immer mehr Siedler kamen in ihr Land, in dem sie bald zur Minderheit wurden. Der Einfluss, den sie als strategisch wichtige Partner und aufgrund von Verträgen hatten, schwand. Innerhalb einer Generation sollte der Beitrag so vieler verschiedener Nationen, die mit ihren britischen und kanadischen Alliierten gegen einen gemeinsamen Feind gekämpft hatten, vergessen sein.23

Indigene Völker in Kanada

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