Читать книгу Blaues Gold - P. D. Tschernya - Страница 16
Programmieren, bis die Ärzte kommen
ОглавлениеAm Mittwoch fuhr Jeff wieder zu Marco, um mit ihm Mathematik zu büffeln. Mit Thales, Pythagoras und Euklid stand Marco auf Kriegsfuß. Flächenrechnung beherrschte er gerade so, aber die Volumenrechnungen verschiedener Körper waren ihm ein Gräuel. Nach drei Stunden üben war Jeff völlig schlapp. Er war frustriert und litt noch mehr als sein Freund.
„Ich kapier nicht, wieso du die einfachsten Formeln nicht behalten kannst“, klagte er.
„Klappt bei mir nicht“, sagte Marco resigniert.
„Für die nächste Arbeit musst du aber einige Formeln auswendig wissen. Ich hab wirklich Bedenken, Marco.“
„Kann sie mir halt nicht merken“, entgegnete Marco mit einem Schulterzucken.
„Die Formeln sind total einfach. Zum Beispiel das Volumen für die Kugel: V gleich vier Drittel Pi mal R hoch drei. Wieso schreibst du da mal nur vier hin und vergisst durch drei zu teilen und manchmal R hoch zwei statt R hoch drei? Das kommt doch nur in der Formel für die Oberfläche vor.“
„Ich kann mit Formeln nichts anfangen“, gab Marco ehrlich zu. „Immer, wenn ich sie brauche, dann sind sie einfach weg. Und dann kann ich nur raten.“
„Nächste Woche ist die vorletzte Klassenarbeit bis zu den Sommerferien. Wenn du die verhaust, wird es eng. Dein Schnitt liegt zurzeit nur knapp unter ausreichend.“
„Ist mir egal“, sagte Marco. „Fall ich eben durch.“
Marco hatte längst aufgehört, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen.
„Red nicht so einen Stuss“, schimpfte Jeff. Es ärgerte ihn maßlos, dass Marco über Ehrgeiz überhaupt nicht zu packen war. „Du wirst nicht durchfallen. Aber dafür werden wir noch mehr üben müssen.“
„Ich wär schon vor Jahren durchgefallen, wenn du mich nicht immer durchgeschleppt hättest“, sagte Marco plötzlich. „Wieso machst du das eigentlich?“
Jeff schaute ihn verdutzt an.
„Wie kannst du so was Doofes fragen? Wir sind doch Freunde.“
„Ich weiß“, sagte Marco, und fühlte sich in dem Augenblick schrecklich. „Aber ich hab keinen Bock auf Schule. Ich bin froh, wenn ich danach meinen Bus fahren werde.“
„Du hast sie wohl nicht alle“, entrüstete sich Jeff. „Wir werden vielleicht zum Mond fliegen. Und wenn das klappt, dann wirst du fast alle Jobs der Welt haben können.“
„Ich pfeife auf alle deine Jobs. Busfahrer hier in Merritt werde ich sein und basta. Das ist mein Traumjob.“
Marco schloss die Augen, lehnte sich zurück und lächelte. In Gedanken saß er in einem geräumigen Bus und fuhr durch die wunderschönen Landschaften und Orte Floridas.
„Wenn unser Flug klappt, dann werden wir berühmt“, sagte Jeff erregt. „Dann kannst du sogar Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden.“
Marco öffnete die Augen.
„Ach, der macht auch nur Mist“, sagte er nachsichtig. „Und vom richtigen Leben hat der Null Ahnung.“
„Und du hast dafür Null Ehrgeiz. Mann!“ Jeff ärgerte sich jetzt richtig. „Schau Jerry an. Der programmiert Tag und Nacht, damit es mit Projekt M voran geht.“
„Das versteh ich sowieso nicht“, gab Marco zu. „Jerry kann das ganze Zeug doch nicht alles alleine programmieren. Das ist doch viel zu viel.“
„Jerry kann das. Im Programmieren ist er ein Genie.“
„Trotzdem“, beharrte Marco. „Da sitzen im Kontrollraum ganz viele Leute herum. Und die kontrollieren doch alles dauernd rund um die Uhr.“
„Damit gibt es überhaupt kein Problem“, erwiderte Jeff siegesgewiss. „Jerry hat bereits an alles gedacht und einen ganz normalen, langweiligen Tagesablauf vorprogrammiert. Und den haben wir schon kurz über die Bildschirme im Kontrollraum laufen lassen.“
„Ihr habt das schon probiert?“
„Neulich am Sonntag, wo nicht so viel los war. Für ein paar Minuten haben wir die Bildschirme gekapert und keiner hat´s gemerkt“, freute sich Jeff.
„Das hätte doch auffliegen können“, sagte Marco bestürzt.
„Ist es aber nicht“, erwiderte Jeff.
„Hm“, machte Marco und schaute beleidigt. „Und du hast mir darüber nichts gesagt.“
„Du weißt doch wie Jerry ist. Er hat immer Angst, dass was rauskommt. Und wenn was passieren sollte, dann will er uns nicht alle mit reinziehen.“
„Echt? Jerry ist bereit, alles auf seine Kappe zu nehmen?“
„Ja, das ist er. Aber mach dir keine Sorgen, irgendwann sitzen wir alle zusammen in einem Boot.“
„Hm.“
Marco musste wieder nachdenken.
„Und nächstes Jahr plant Jerry, die Anzeigen im Kontrollzentrum für eine halbe Stunde in Beschlag zu nehmen. Wenn das klappt, dann wird das auch am Abflugtag funktionieren. Und wir werden schön abheben.“
Jeff machte dabei mit seiner rechten Hand begeistert eine langsame Bewegung in Richtung Himmel.
„Ich weiß nicht“, sagte Marco nachdenklich. „Wie viel Zeit werden wir brauchen, um in die Rakete zu kommen?“
„Jerry sagte, es darf höchstens zwei, drei Stunden dauern.“
„So wenig? Das kann nie im Leben gut gehen. Und wenn was Unvorgesehenes passiert?“
„Wenn du mit der nervigen Fragerei nicht aufhörst, dann passiert gleich hier was Unvorgesehenes. Guck lieber zu, dass du heute Abend noch einen guten Spickzettel mit den Formeln hinkriegst. Ich schau mir den morgen an.“
Marco schwieg und Jeff stand auf, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Damit war der Nachmittag beendet und sie gingen mit einer kühlen Verabschiedung auseinander.
Im Verlauf ihrer Freundschaft hatte sich ein Ritual eingespielt, wie manche Unterhaltung zu beenden war. Wenn Marcos Bemerkungen Jeff nervten, dann reagierte er so, dass sich Marco beleidigt fühlte und schwieg. So war es auch heute geschehen. Jeff war nun mies gelaunt und hatte keine Lust, Marco mitzuteilen, dass sie sich demnächst zu sechst treffen würden – mit Ali und Chang. Chang war vor einigen Tagen von Frank für Projekt M `gekeilt´ worden. Jeff schloss sich danach Jerrys hoher Meinung über Frank an.
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