Читать книгу Blaues Gold - P. D. Tschernya - Страница 17
Schule ist Mist
ОглавлениеEs war Freitagabend, bei Familie Strela dampfte das Abendessen auf dem Tisch. Angelina hatte Jerrys Lieblingsessen zubereitet, russische Borschtschsuppe mit Speckbrot, und rief nun die Familie zusammen. Jeff und Jerry waren auf ihren Zimmern und mit Hausaufgaben beschäftigt – wie immer, wenn sie Ruhe haben wollten.
Igor war heute schon um achtzehn Uhr aus der Arbeit gekommen. An den meisten Tagen tauchte er erst gegen sieben oder noch später zu Hause auf. Das galt auch für Freitage. Wenn er früher kam, hatte es meistens einen triftigen Grund. Mel saß auf ihrem Lieblingsplatz und freute sich, weil am heutigen Abend alle beisammen sein würden. Trotz des Ärgerns ihrer Brüder liebte sie ihre Familie und genoss das angenehme Leben in ihrer Mitte.
„Jeff! Jerry!“, rief Angelina aus der Küche noch einmal. „Essen ist fertig. Vater ist auch schon da.“
Jeff tauchte auf der Treppe auf und schlenderte hinunter.
„Ich hab keinen Hunger“, rief Jerry aus seinem Zimmer. „Ich muss noch was für die Schule machen.“
„Ich hab Borschtsch vorbereitet“, rief Angelina zurück. „Außerdem will Vater mit dir reden.“
Zwei Umstände, die es Jerry nicht erlaubten, dem gemeinsamen Abendessen fern zu bleiben. Wenn sich seine Mutter die Mühe gemacht hatte, sein Lieblingsessen zu kochen, da musste er gehen. Außer er wäre krank gewesen. Dann hätte ihm Angelina die Suppe ans Bett gebracht. Und wenn Vater früher nach Hause gekommen war, um mit ihm zu reden – da griff eh keine Ausrede.
Igor war ein strenger Vater, aber meistens gerecht. Die Jungs wussten das. Ihre Eltern sorgten für eine gute Umgebung, wie zum Leben so auch zum Lernen. Dafür arbeiteten beide hart und erwarteten als Gegenleistung einiges von ihren Söhnen. Aber die waren in der Regel bei fast allen Angelegenheiten mit Begeisterung dabei. Sie beteiligten sich am Familienleben, trieben Sport und kamen zur Freude ihrer Eltern in der Schule gut mit.
`Was kann Vater nur wollen?´, fragte sich Jerry. `Ob die im Space Center was rausgekriegt haben? Oder ist es vielleicht wegen der Schule?´
„Okay, ich komme gleich“, rief Jerry und sperrte wie immer zur Sicherheit seine Bildschirme. Dann ging er hinunter.
Das Abendessen fand im Esszimmer neben der Küche am runden Tisch statt. Jedes Familienmitglied hatte seinen festen Platz. Jerry saß rechts und Jeff links von Igor. Links neben Jeff war Mel und dann folgte schon Angelinas Platz nahe der Tür zur Küche. Jerry kam und setzte sich demonstrativ lustlos mit der Stuhllehne vor der Brust hin. Keine gute Idee, wie sich gleich herausstellte.
„Bitte setz dich richtig hin“, wies ihn Igor zurecht.
Angelina begann mit Jerry und goss ihm eine große Kelle Suppe auf den Teller.
„Für dich hab ich wie immer zwei Teller, Jerry“, sagte sie.
„Danke, Mutter.“ Jerry mochte die Suppe wirklich. Unter zwei Teller ging es fast nie.
„Nicht so viel, bitte“, kreischte Mel, als sie sah, dass die Suppe ihren Teller bis zum Rand füllte. „Das ist Jerrys Lieblingssuppe, nicht meine.“
„Abends ist es kühl und eine warme Suppe tut dir gut. Guten Appetit“, wünschte Angelina allen beim Hinsetzen.
„Danke, ebenfalls“, kam die prompte Antwort ihrer Kinder.
Igor nickte zur Zustimmung nur mit dem Kopf. Wortlos löffelten sie die warme Suppe. Ab und zu erklang ein leises Klimpern, wenn ein Löffel gegen das Porzellan stieß. Jeff machte die Stille nervös. Er spürte, wie sein Kopf langsam heiß und rot wurde.
`Irgendetwas steht noch an´, dachte er. `Wenn ich nur wüsste was.´
Igor räusperte sich.
„Jerry, also …“ Er machte eine kurze Pause. „Ich habe gestern zufällig mit deinem Mathematiklehrer gesprochen. Mit Herrn Brunner.“
Überrascht sah Jerry vom Teller auf.
„Er sagte mir, er mache sich Sorgen“, fuhr Igor fort. „Ob du das Jahr schaffst, wenn du so weiter machst.“
„Das darf nicht wahr sein“, fuhr Jerry wütend hoch. „Jetzt kontrollierst du auch noch meine Noten.“
Er sprang auf, rannte auf sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Igor und Angelina schauten sich verdutzt an. Mel machte sich klein und Jeff wäre auch am liebsten unsichtbar geworden.
„So hab ich ihn noch nicht erlebt“, wunderte sich Angelina leise. „Du hast doch nichts Schlimmes gesagt.“
Jeff überkam das beängstigende Gefühl, dass es heute ungemütlich werden könnte. Mel nutzte die Gunst des Augenblicks, um keine Suppe mehr essen zu müssen.
„Ich hab keinen Hunger mehr“, sagte sie schnell und rutschte vom Stuhl. „Kann ich auf mein Zimmer? Ich will noch mit meinen Puppen spielen.“
„Geh mein Schatz“, antwortete Angelina ruhig.
So war Mel wenigstens aus der Schusslinie, wenn es später ein Donnerwetter geben sollte. Während Mel davon tänzelte, wandte sich Angelina an ihren Mann. Igors Gesicht war schon rot angelaufen.
„Igor, bitte warte kurz ab“, sagte Angelina beschwichtigend. „Er kommt bestimmt zurück. Ich kenne ihn.“
„Das will ich hoffen“, antwortete Igor gereizt. Er war kurz davor, in die Luft zu gehen „Sonst hat er wirklich Ärger.“
Oben ging eine Tür auf und nach einer Weile kam Jerry ins Esszimmer. Ruhig setzte er sich auf seinen Stuhl, als wäre nichts gewesen, schob aber den halbvollen Teller von sich.
„Entschuldigung für gerade eben. Ich weiß, ich hab eine Arbeit versaut. Nie im Leben hab ich eine vier in Mathe geschrieben“, sagte er und seufzte. „Immer hatte ich eine eins, selten ´ne zwei. Mir ist das ja selbst peinlich.“
„Genau das hat Herrn Brunner gewundert“, sagte Igor erleichtert. „Aber wie kommt das? Hast du nicht gelernt?“
„Ich hab die letzte Klassenarbeit glatt vergessen“, gestand Jerry die Wahrheit.
„Wie kann das sein?“, wunderte sich Angelina. Da sie selbst Lehrerin war, kannte sie sich an den hiesigen Schulen gut aus. „Ich kenne Herrn Brunner. Der kündigt seine Arbeiten bestimmt zwei Wochen vorher an und erinnert euch auch.“
Jerry schaute unsicher vor sich hin. Seine Eltern erwarteten eine Erklärung. Es gab ja eine, Projekt M. Aber den wahren Grund konnte er ja nicht nennen. Er konnte seinen Eltern nicht einfach mitteilen, dass er so gut wie jeden Tag stundenlang bis tief in die Nacht programmierte. Und dabei die Zeit und die Welt um sich völlig vergaß. Projekt M wäre gestorben. Aber er hatte sich bei seiner `Flucht´ nach oben eine Ausrede zurechtgelegt. Den Trumpf musste er jetzt ausspielen.
„Na gut“, begann Jerry zögerlich. Er drehte seine Augen hin und her, um überzeugend zu wirken. „Dann will ich es euch sagen. Es ist – es gibt da ein Mädchen.“
Angelinas Gesichtszüge entspannten sich und freudig schaute sie ihren Mann an. Sie machte sich schon länger Gedanken, wann bei ihrem Ältesten die erste `Schwiegertochter in spe´ auftauchen würde.
„Wer ist es denn?“, fragte sie neugierig. „Willst du sie uns nicht mal vorstellen?“
Igor zog böse die Augenbrauen zusammen. Er war wirklich kurz davor, aus der Haut zu fahren – aber diesmal wegen der Mutter seiner Kinder.
„Der Junge soll die Schule zu Ende machen und danach das Studium“, sagte er wütend. „Die Mädchen laufen nicht weg.“
„Und wie alt warst du, als du mir den Hof gemacht hast?“, erwiderte Angelina erzürnt.
„Das war damals alles ganz anders“, begann Igor mit seiner Verteidigung. „Als ich -“
„Streitet euch nicht“, unterbrach sie Jerry. „Vater hat Recht, Mutter. Ich werde sie mir aus dem Kopf schlagen. Ich will ja auch zuerst die Schule fertig machen. Und zwar mit guten Noten.“
Perplex starrten Igor und Angelina ihren Sohn an. Diese Antwort hatten sie nicht gerade erwartet.
„Mir kam soeben eine Idee“, fuhr Jerry fort. „Ich frag Herrn Brunner, ob ich die Arbeit wiederholen kann. Meinetwegen auch eine mit schwierigeren Aufgaben. Ich möchte ja wirklich eine gute Note im Zeugnis haben.“
„Das ist nicht mehr nötig, Jerry“, sagte Igor. Die Röte war ihm etwas aus dem Gesicht gewichen. „Ich habe bereits mit ihm besprochen. Er ist ausnahmsweise einverstanden, dass du die Arbeit wiederholst.“
„Echt?“, entfuhr es Jerry vor Überraschung.
Jetzt war er es, der vor Staunen den Mund nicht zu bekam. Der Ehrgeiz seines Vaters war noch größer als sein eigener. Das wusste er. Aber dass er soweit gehen würde …
„Ja, dann ist ja alles in Butter. Morgen haben wir Mathe und ich werde ihn darauf ansprechen.“ Mit einem Augenzwinkern stand er auf. „Und jetzt geh ich wieder hoch. Ich hab wirklich noch paar Aufgaben zu machen.“
Jeff hatte die ganze Zeit nur zugehört und große Augen gemacht. Er war schockiert. Sein großer Bruder hatte die erste Freundin – und er wusste nichts davon.
„Mutter, ich bin auch fertig“, sagte er, sprang auf und ging Jerry nach. Der erwartete ihn bereits auf dem Zimmer.
„Das darf nicht wahr sein“, rief Jeff vorwurfsvoll, kaum dass er im Zimmer stand. „Du hast eine Freundin und hast mir überhaupt nichts davon gesagt.“
„Mach die Tür zu“, befahl Jerry. „Und sprich leise.“
Jeff klappte die Tür zu und setzte sich auf Jerrys Bett.
„Was soll jetzt aus Projekt M werden?“, fragte er traurig.
„Hör mir gut zu“, begann Jerry im Flüsterton. „Ich hab keine Freundin. Das hab ich doch nur zur Ausrede gebraucht. Sollte ich Vater etwa sagen, dass ich jeden Tag stundenlang an einem Flug zum Mond programmiere?“
„Dann hast du ja gelogen“, rief Jeff entrüstet.
„Sei leise“, mahnte ihn Jerry erneut.
„Okay, okay.“
Jeff flüsterte jetzt auch. Sie mussten immer an Mel denken.
„Ich habe nicht gelogen“, fuhr Jerry fort. „Meine Worte waren: `Es gibt da ein Mädchen´. Kannst du dich erinnern?“
„Ja, so ungefähr. Na und?“, wunderte sich Jeff.
„Da draußen gibt es jede Menge Mädels. Und an manche denke ich sogar ab und zu. Du etwa nicht? Das heißt aber noch lange nicht, dass ich mit einer was habe. Kapiert?“, erklärte Jerry. „Die Hauptsache ist, dass ich nichts verraten musste.“
„Du bist ja … das ist ja …“, stotterte Jeff. „Ich versteh jetzt gar nichts mehr.“
„Es ist so, wie ich es dir sage“, beharrte Jerry. „Und jetzt geh und lass mich alleine. Ich muss wirklich noch arbeiten.“
Jerry wandte sich einem Buch auf seinem Tisch zu, Jeff blieb verstört sitzen.
„Jetzt geh schon“, sagte Jerry, ohne sich umzudrehen.
Verwirrt verließ Jeff das Zimmer.
***