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Kapitel 16 Mord auf der Itzinga-Burg

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Auf der Itzinga-Burg zu Norden ging es heute hoch her. Eberhard und Djudelt gaben zu Ehren ihres jungen Gastes aus dem Brookmerland ein Fest. Laut ging es zu und ein bisschen verrückt. Die jungen Leute tanzten, kreischten und foppten einander mit Wort und Tat.Schmunzelnd beobachtete Eberhard Itzinga wie Adda auflebte, wie sie mitging, mitlachte. So war es also ein guter Einfall gewesen; das Fest ein voller Erfolg! Seit fast einem Monat lebte Adda nun schon hier und bisher war es Eberhard denkbar selten gelungen, ihr ein frohes Lachen zu entlocken. Nicht einmal, wenn sie mit seinen beiden Kindern spielte, lachte sie von Herzen. Gewiss, es schickte sich nicht für sie, Fröhlichkeit zu zeigen, jetzt, während der Trauerzeit, aber Eberhard meinte, dass ein Mensch, besonders ein so herrlich junger Mensch wie Adda, lachen müsse! Das sei das Elixier des Lebens! ‚Jeder Tag, an dem man nicht gelacht hat, ist ein verlorener Tag’, pflegte er zu sagen. Jetzt schaute Adda schuldbewusst zu ihm herüber, weil sie seinen Blick gefühlt hatte. Eberhard nickte ihr aufmunternd zu: ‚Recht so!’ hieß das. ‚Freue dich! Auch das ist Gott gefällig!’

„Es ist vollbracht”, lächelte Djudelt ihrem Mann zu und streichelte mit beiden Händen ihren Leib, „hoffentlich ist es bei mir auch bald vollbracht!” Sie spielte damit auf die Geburt ihres dritten Kindes an, erwartete sie doch täglich ihre Niederkunft.

Djudelt hatte dieses Fest angeregt, weil Adda auf andere Gedanken kommen sollte, denn zu diesem Zweck hatte Keno seine Enkeltochter ja zu ihnen geschickt. Das war damals gewesen, als die Ziegelsteine von Segsum geliefert worden waren. – Eines schönen Morgens, als Adda ausreiten wollte, standen sie da, fein säuberlich aufgestapelt. Ein Haufen, so groß, dass man eine Kapelle hätte davon bauen können. Adda glaubte verrückt zu werden, als sie das sah. Ein Jahr und länger hatte ihr Vater darauf gewartet, und nun waren sie da und er lag in der Gruft. - ‚Soll ich warten, bis ich das Zeitliche gesegnet habe?’ hatte er den Zieglern zugerufen. Nun war es tatsächlich so gekommen. - Angesichts der schön geformten Steine auf dem Hof musste Adda lachen, lieber hätte sie geweint - vor Zorn und Verzweiflung, aber sie lachte, lachte wie irre. Sie lachte, bis ihr jemand ins Gesicht schlug. Da war sie stumm. Und dann kam Großvater und schickte sie fort, einfach fort; weil er ‚unbeherrschte Frauenzimmer’ auf Broke nicht gebrauchen könne, hatte er gesagt. Nun befand sie sich hier in Norden, und es gefiel ihr auf der Itzinga-Burg. Alle waren so lieb zu ihr, verständnisvoll und fürsorglich, besonders Djudelt. Und die beiden kleinen Kinder waren so süß und quicklebendig und lenkten sie ab von ihrem Schmerz. Ja, es gefiel ihr hier, besonders heute.

Fast nur junge Leute waren zu dem Fest geladen und ein paar Spielleute. Dazu zwei Scholaren, die sich fortwährend vielsagend angrinsten. Diese reisenden Scholaren erzählten uralte ‚Neuigkeiten’. Vielerorts daher sehr beliebt, verstanden sie es doch, einem die Welt ins Haus zu bringen. Diese beiden hier hatten in Paris und Prag, in Trier und Neapel studiert, und sie wussten viele wunderliche Dinge zu berichten und gaben manch schlüpfrigen Reim zum Besten. Letzteres war so recht nach dem Geschmack von Eberhard Itzinga, der sich königlich amüsierte. Eberhard selbst prahlte und spann sein Seemannsgarn. Er erzählte seine unglaublichen Geschichten mit derartiger Überzeugungskraft, dass alle, die ihn nicht kannten, staunend die Mäuler aufsperrten.

Die laute Musik ermunterte die jungen Männer zum Siebensprung, jenem frischfröhlichen Männertanz, der große Geschicklichkeit und viel Kraft abverlangt. Die Spielleute ließen den Bogen über die Saiten springen und den Dudelsack quäken; dazu klatschten Frauen und Mädchen den Takt, schneller, immer schneller, und die Burschen tanzten, bis ihnen der Atem wegblieb. Danach, zur Erholung, gab es jene sanften Tänze, bei denen man einander anmutig die Ehrerbietung zu erweisen hat. Adda genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, und heute vergaß sie zum ersten Mal die schreckliche Sonnenwendfeier.

Ein wenig sonderbar nahmen sich die Scholaren unter den vornehm gekleideten Kaufmanns- und Häuptlingssöhnen aus. Sie trugen nicht die vorgeschriebene halbgeistliche Kleidung, sondern kurze Röcke in sehr grellen Farben mit geschlitzten Ärmeln - schon etwas ausgefranst - und überlangen Schnabelschuhen, über die sie ständig stolperten. Der eine trug feuerrote Beinkleider, dazu giftgrüne Schuhe. Adda konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er einherstolzierte wie ein Storch im Salat. Schulterlange strohblonde Haare ließen ihn jünger wirken als eine nähere Betrachtung seiner scharfen Gesichtszüge ergab. Vermutlich einer jener ewigen Studenten, dachte Adda. Sonderbar, beide hatten die gleiche beeindruckende Habichtsnase. Ein unübersehbares Merkmal, welches Anlass gab, eine Verwandtschaft zu vermuten. Vielleicht Brüder? Nein, hieß es, reine Zufälligkeit. Sie seien lediglich ‚Tippelbrüder’, miteinander weit gereist und viel erlebt, aber nicht verwandt. Man sehe doch viele solch schöner Nasen in Ostfriesland, oder? Das war freilich nicht von der Hand zu weisen. Dessen Freund trug sogar verschiedenfarbige Beinkleider, eines grün, das andere gelb wie Quitten. Mit dem Mund weniger vorne weg als sein Freund, aber ein lustiger Geselle!

An und für sich standen Scholaren in denkbar schlechtem Ruf. Manche von ihnen waren auch wohl rechte Spitzbuben, bei denen das Studieren an allerletzter Stelle stand, hinter dem Saufen und Glücksspiel, dem Huren, Stehlen, Betrügen und Messerstechen. Mancher Scholar schreckte wohl auch nicht davor zurück, einen Mord zu begehen, um die Börse aufzufüllen. Manch einer machte mit Schandtonne und Stock Bekanntschaft oder endete gar am Galgen. Adda wusste das, aber sie fand alles himmlisch und wurde nicht müde, all ihre seltsamen Geschichten anzuhören.

Das Bier floss in Strömen und je mehr getrunken worden war, desto wilder gerieten die Tänze, und immer eindeutiger wurden die zweideutigen mimischen Darbietungen der Musikanten. Der Dudelsack wurde beiseite gelegt und die schön geputzten Bronzebecken ausgepackt, dazu eine Flöte. Der mit den Becken musste beides, flöten und Becken schlagen. Der mit der Fiedel hüpfte wie ein verdrehter Irrwisch von einem Bein aufs andere und sang:

„...beim Tanze und beim Liebessprung woll’n wir lustig uns vergnügen

und die Liebesgeige spielen. Auf und nieder schlagt das Becken, eh‘ wir elendig verrecken...”

Der Spielmann mit den Becken knallte die bronzenen Teller rhythmisch aneinander und gebärdete sich zwischendurch wie ein liebestoller Hund, indem er einer Maid hinterrücks die Röcke über den Kopf schlug und recht eindeutige Bewegungen vollführte.

„...wollen wir das Töpfchen schlecken.”

Er streckte seine eklig belegte Zunge heraus und es schien, als wollte er ihren knackigen Po lecken. Adda schoss die Röte ins Gesicht.

„...Rührt euch, paart euch, faule Säck’, trödelt nicht so, dumme Depp!

Rauf und runter springt der Bogen, fröhlich wollen wir heute toben...”

Auch andere junge Männer wurden nun handgreiflich und die Mädchen lachten und kreischten, weniger aus Scham als vor Vergnügen. - Aufregend das Spiel. Aber es wurde Djudelt Itzinga nun doch zu bunt. Es bahnte sich da ein Treiben an, das sie auf keinen Fall billigen konnte. Sie sah sich zum Eingreifen genötigt, ehe sämtliche Schranken fallen würden und befahl dem Seneschall, das Gelage unverzüglich abzubrechen. Es war ohnehin schon reichlich spät und sie verspürte den ganzen Tag über schon leichte Wehen.

Murrend fügte sich die bunte Gesellschaft dem Wunsche der Hausherrin und verabschiedete sich. Singend und lachend ging es auf den Heimweg... Irgendwo hatte gewiss noch eine Schenke geöffnet, wo der angebrochene Abend seine Erfüllung finden konnte...

Nachdem sich alle Gäste aufgemacht hatten, saßen nur noch die beiden Scholaren auf der Bank am Kamin und warteten auf ihren Lohn. Den bekamen sie auch, ein schönes Stück Geld sogar und dazu noch eine Bettbutze für die Nacht, die sie sich teilen mussten. Es wäre ungehörig gewesen, sie jetzt auf die Straße zu setzen.

Beinah winzig, ohne Fenster und spartanisch eingerichtet war Addas Kammer. Sie lag vor derjenigen des Häuptlings und seiner Frau. Sonst schlief dort der Herr Kaplan, aber der war seit einigen Tagen bei seiner Schwester in Uttum zur Kindtaufe, weswegen Adda sich dort einrichten konnte. Sie fühlte sich denkbar unbehaglich, weil ihr die derben Lieder Spaß gemacht hatten. Was mochte Djudelt von ihr denken? Dazu noch die Trauerzeit. Peinlich! - Noch rasch ein Gebet, die Unschlittkerze ausblasen und ab in die Koje.

Angenehm kühlte das feine Leinen ihren heißen, nackten Körper. Erregend, die Nacktheit des eigenen Körpers zu fühlen! Eine schöne Sitte, unbekleidet zu Bett zu gehen, fand Adda. Besonders nach den Aufregungen des Abends genoss sie die herrliche Kühle auf ihrer Haut, und sie streichelte mit beiden Händen ihre Hüften, die Schenkel, den Leib... Dabei lauschte sie mit weit geöffneten Augen in die Finsternis. Merkwürdig, wie vielfältig die Geräusche der Nacht sind! Nie zuvor ist ihr das so aufgefallen wie heute. Ganz deutlich kann Adda das Rascheln und Knistern von Stroh hören, wenn sich draußen auf dem Flur jemand in seiner Bettbutze von einer Seite auf die andere wälzt. Irgendwer flüstert Unverständliches, dann wieder Schweigen. Über ihrem Kopf auf dem Boden trappeln Mäuse oder Ratten. Sie springen nach den aufgehängten Trockenbohnen, fallen polternd zurück auf die Holzbretter und quieken manchmal. Und dann ist da so ein Fauchen wie von Katzen, aber Katzen sind nicht dort oben, das weiß Adda. Vielleicht ein Iltis, der die Ratten jagt... In wilder Jagd geht es hin und her und kreuz und quer über den Boden und es poltert und kracht und faucht und plötzlich herrscht Ruhe... Nach einer Weile glaubt Adda, das Knattern der Fahne auf dem Dach zu hören. Aber sie vermag nicht recht zu unterscheiden, woher dieses Geräusch kommt. Bei Tag würde sie es vermutlich für tappende Schritte auf knarrenden Dielen halten. Jemand ächzt im Schlaf. – Stille. – Irgendwo jault ein Kettenhund. - Wieder dieses merkwürdige Tappen, nein Knattern, zweifellos die Dachfahne, denn wer sollte hier des Nachts in den Gängen umherirren?

Adda schließt die Augen, überdenkt den schönen Abend. Die Gesichter der Tänzer ziehen an ihr vorüber, fröhliche, lachende, singende Gesichter, auch das glückliche, durch die Schwangerschaft etwas aufgeschwemmte Gesicht Djudelt Itzingas ist darunter. Adda dämmert dahin. Zwischen Wachen und Träumen, an der Schwelle zum Schlaf, weckt dieses rätselhafte Geräusch abermals Addas Aufmerksamkeit. Oder ist es der schaurige Ruf eines Käuzchens gewesen? Jetzt klingt es genauso, als ob etwas direkt vor der Tür raschelt. Ein Hund vielleicht? Eine Katze? Oder Mäuse? Addas Augen suchen die Dunkelheit zu durchdringen. Vergebens. Sie schließt die Augen. Da, ganz deutlich ist es zu hören! Jemand macht sich an der Tür zu schaffen. Sie reißt die Augen auf. Soll sie schreien? In diesem Augenblick kann sie unmöglich auch nur einen Laut von sich geben. Ihre Nerven sind so angespannt, dass sie das Geräusch nicht nur zu hören, sondern gar zu fühlen glaubt als sich tatsächlich die Tür öffnet. Aber es ist nur der kühle Lufthauch, der ihren nackten Oberkörper streift. Durch den Türspalt schimmert der matte Schein einer Öllampe. - Adda wagt kaum zu atmen. Und jetzt, jetzt sieht sie ganz deutlich zwei Gestalten auf sich zukommen. Sie presst die Augen zu, aus Angst, das Weiße ihrer Augäpfel könne sie verraten. Fest entschlossen, sich lieber sämtlichen Schmuck stehlen zu lassen als auch nur einen Laut von sich zu geben, beschließt sie, tiefsten Schlaf vorzutäuschen.

„Sieh nach”, wispert eine Stimme. Tastende Schritte nähern sich. Adda zwingt sich zu gleichmäßigen Atemzügen. Heiß schlägt ihr die Wärme der stinkenden Tranlampe ins Gesicht, die man vor ihr Gesicht hält. „Schläft”, raunt eine vor Aufregung zitternde Stimme.

Hätte sie doch nur rechtzeitig die Decke über den Kopf gezogen! Aber nein, halbnackt liegt sie da, einen Arm unter dem Kopf verschränkt und darf sich nicht rühren!

„Die möcht’ ich mir vornehmen! Guck dir mal die süßen Äpfelchen an - zwei kleine Liebesäpfel!” Das klingt lüstern und Adda fürchtet sich.

„Schweig still! Erst den Itzinga!”

„Bin ich ein Harlinger? Hat er mein Schiff gekapert? Was geht’s mich an?” „Halt dein Maul, Dummkopf! Bist du mein Bruder oder nicht? Hättest es dir früher überlegen müssen – mitgefangen, mitgehangen. Komm endlich. Es hätte auch dein Schiff sein können oder?”

Addas Herz pocht laut, so laut, dass sie glaubt, die Kerle müssen es unweigerlich hören. Doch die beiden entfernen sich Gott sei Dank von ihrer Bettbutze, nähern sich der Kammertür Eberhard Itzingas. Sehr langsam und vorsichtig – trotzdem knarren Schritt für Schritt die Dielen... Tausend Gedanken jagen Adda durch den Kopf - Diebe - Meuchler - Djudelt - Geburt… Ehe sie sich dessen richtig bewusst ist, schreit sie auf, erst gurgelnd, dann gellend...

„Verdammt!” fluchen beide Kerle gleichzeitig. Einen winzigen Augenblick halten sie irritiert inne, machen dann kehrt, um das kreischende Mädchen zum Schweigen zu bringen. Raue Hände würgen Adda am Hals, aber sie strampelt und schlägt mit Händen und Füßen um sich. In diesem Moment stürzt Eberhard Itzinga aus seiner Kammer. Blitzschnell erkennen die Eindringlinge die neue Sachlage, werfen sich gemeinsam auf den Häuptling.

Die Tranlampe scheppert zu Boden, setzt das trockene Binsenkraut in Brand, das als Kälteschutz auf dem Boden ausgestreut ist. Starr vor Entsetzen drückt Adda sich in eine Ecke ihres Alkovens.

Ein wildes Knäuel kämpfender Schatten, fluchend, keuchend, ächzend und dazwischen Djudelt Itzingas Hilferufe. Ineinander verkeilte Körper wälzen sich auf dem Boden.

Das Feuer greift um sich, hat die Vorhänge des Alkovens erfaßt. - Durch die hochschlagenden Flammen sieht Adda eine Faust niedersausen, dann das dumpfe Aufschlagen eines Körpers. Ein grauenhafter Schrei - schmerzhaftes Stöhnen - flüchtende Schritte - Röcheln - das Röcheln stirbt...

Von draußen kommen Mägde gerannt, laut nach Wasser schreiend. Djudelt Itzinga wankt auf Adda zu. Wohin sich wenden? Das ganze Zimmer steht schon fast in Flammen. „Die Decken! Die Decken!” ächzt Djudelt. Adda versteht. Die Laken aus den Betten reißen und überwerfen ist eins. Da kommen auch endlich Knechte mit Wasser gelaufen. Sie schütten es weit in den Raum hinein über die beiden Frauen. Djudelt Itzinga vermag kaum einen Schritt vor den anderen zu setzen. Wehen zerreißen ihren Körper. Mühsam zerrt Adda sie durch das Flammenmeer hindurch auf den rettenden Flur. Dank der nassen Laken sind sie unversehrt, indessen bleibt Djudelt stöhnend stehen, hält sich den schweren Leib: „Wo ist Eberhard?” fragt sie, aber Adda weiß es nicht. „Wir müssen zum Saal, sicher ist er dort”, stößt Djudelt hervor. „Wart einen Augenblick... es ist gleich vorbei...”

Adda stützt die schwangere Frau. An ihnen vorbei rasen Knechte und Mägde mit vollen Wassereimern. „Macht eine Kette!” befiehlt Djudelt. „Eine was?” „Eine Kette, verdammt noch mal! Nebeneinander aufstellen und die Eimer weiterreichen! Verstanden?” Sie hält sich stöhnend den Rücken.

„Tut’s sehr weh?” fragt Adda neugierig. Eine Frau in den Wehen hat sie noch nie erlebt.

„Sehr nicht... ich kann nur nicht laufen...” Das soll ein Scherz sein.

Inzwischen hat das Gesinde tatsächlich nach einigem Durcheinander eine Löschkette gebildet. Djudelt nickt befriedigt, geht dann langsam, in Addas Arm eingehakt, zum Saal. Sie ist sehr tapfer, findet Adda.

„Geh, Adda, sieh’ nach, ob die Leute den Brand löschen können und hole Leintücher und heißes Wasser”, trägt Djudelt ihr auf, setzt sich vorsichtig in den Hochstuhl.

„Kann ich dich denn alleine lassen?” fragt Adda zweifelnd.

„Sicher, geh nur, es ist Zeit, höchste Zeit...” Sie weiß Bescheid, hat ja schon zwei Kinder geboren.

Völlig konfus rennt Adda zuerst in die Küche. Niemand da. Nein doch, da hockt eine Alte am Herd. Die schnarcht selig, den Kopf nach hinten ans Mauerwerk gelehnt. Adda spricht sie an: „He, du, aufwachen.” - Keine Wirkung. - „Du da, aufwachen!” - Nichts. - Da rüttelt sie die alte Frau mit beiden Händen, schreit mit durchdringender Stimme: „He, du! Wach endlich auf, du verdammtes Weib!”

Die Alte schüttelt benommen den grauen Kopf, blickt Adda verständnislos aus wässrigen Augen an. Die kreischt überreizt: „Deine Herrin kommt nieder! Komm mit! Du musst mir helfen! Du musst ihr helfen! So komm endlich!” Die alte Küchenmagd versteht anscheinend nichts, fuchtelt wüst mit den Händen, gibt unverständliche Laute von sich, irgendwie gurgelnd, unartikuliert. Da versteht Adda schlagartig, dass die Alte taubstumm ist und gerät in Panik. Was tun, um Gottes Willen? Was tun? Mit Händen und Füßen sucht sie sich verständlich zu machen, spreizt die Beine, hält sich den Bauch, weist mit zusammengelegten Händen vom Bauch zwischen die Beine, verzerrt das Gesicht wie im Schmerz... Sie redet wie ein Wasserfall und weiß doch, dass die Magd sie nicht hören kann: „Djudelt Itzinga kommt nieder, deine Herrin kriegt jetzt ihr Kind und oben brennt es... Ich muss hin, ich muss helfen und du musst helfen. Du musst heißes Wasser machen und Leintücher und ich muss löschen oder Djudelt helfen oder beides. Verstehst du?”

Plötzlich geht ein Leuchten über das krause Gesicht. Endlich! Die Magd rappelt sich auf, nickt, streichelt Adda verständnisinnig den Rücken. Dann watschelt sie zum Feuer, nimmt den brodelnden Kessel vom Haken, drückt ihn Adda in die Hände, bedeutet ihr, schon vorauszugehen. Mein Gott, ist der Eisenkessel schwer! Währenddessen wackelt die Alte hurtig in die andere Richtung. Auf halbem Wege hat sie Adda wieder eingeholt, einen Berg von Leintüchern in den Armen. Erschöpft setzt Adda den Kessel ab, in der Hoffnung, die Alte werde nun tragen helfen. Weit gefehlt. Die lächelt freundlich und drängt sich an ihr vorbei - weg ist sie. Mühsam nimmt Adda den schweren Kessel voll brühheißem Wasser wieder auf, schleppt ihn vorsichtig weiter. Das Gesinde ist immer noch mit Löscharbeiten beschäftigt. Man will ihr das Wasser entreißen und ins Feuer kippen.

„Das ist nicht zum Löschen, nein, nein! Welcher Dummkopf löscht mit kochendem Wasser?!” Die schwitzenden Mägde giggern albern. Im Vorübergehen wirft Adda einen Blick in ihre Kammer. Es qualmt und stinkt nach Rauch und irgendwie nach verbranntem Schweinefleisch. Nur an wenigen Stellen lecken noch spärliche Flammen am Gebälk und an den Fußbodendielen. Nein, hier wird ihre Hilfe nicht mehr benötigt. Das Gesinde kann allein mit dem Feuer zurechtkommen.

Djudelt Itzinga lächelt mühsam als Adda zurückkommt: „Stell ihn ab und hilf mir einmal. Ich muss... ich muss... ich muss... Heilige Jungfrau... ich muss aufstehen...”

Die taubstumme Küchenmagd hat unterdessen eine Felldecke auf den nackten Boden gelegt. Jetzt breitet sie ein Lager aus Leintüchern darauf aus. Adda winkt die Alte zu sich. Gemeinsam helfen sie Djudelt aus dem Stuhl. Ein Schwall Fruchtwasser platscht auf den Boden und Djudelt schreit auf: „Das Kind! Das Kind!” Die beiden Frauen betten die Kreißende behutsam auf den vorbereiteten Fussboden. Da! Das Köpfchen ist schon zu sehen! Dunkle Haare... Das Kind drängt mit Macht zur Welt...

„Mama! Mama!” schreit ein helles Kinderstimmchen an der Tür, „Mama! Hast du Aua?” Djudelts Söhnchen steht weinend da, das kleine Schwesterchen an der Hand, auch weinend.

Adda wendet sich den Kindern zu: „Ja, eure Mama... ich meine, ihr beide bekommt jetzt ein kleines Schwesterchen oder ein Brüderchen. Kommt ihr Süßen. Tante Adda bringt euch zu Bett.” Sie schnappt sich das Mädchen, nimmt es auf den Arm und Klein-Eberhard an die Hand, zerrt ihn mit sich fort. - Djudelt Itzinga schreit, presst... Die Kinder wollen zu ihr. „Mama! Mama helfen! Mama helfen!” brüllt der kleine Eberhard. „Nein, nein, ihr könnt nichts tun. Komm, Junge, die Tante Adda macht euch Milch mit Honig und dann schlaft ihr artig.”

Mein Gott, das hat gerade noch gefehlt! - Auf dem Flur begegnet Adda der Kindsmagd, die ihre beiden Schützlinge bereits vermisst und gesucht hat. Sie lacht erleichtert: „Da seid ihr ja, ihr beiden Ausreißer.” Sie nimmt Adda das Mädchen ab, der Junge drückt sich an ihren Rock und weint herzzerreißend.

„Bring die Kinder zu Bett und gib ihnen Baldrian, damit sie zur Ruhe kommen und mach ihnen einen Topf Milch mit Honig”, weist Adda die Kinderfrau an. Sie ist plötzlich ganz ruhig. „Geh, die Kinder sind hier fehl am Platze. - Deine Herrin bekommt soeben ihr drittes Kind”, fügt sie erklärend hinzu. Zustimmend nickt die junge Frau, freut sich und beeilt sich, die Anweisungen zu befolgen.

Als Adda in den Saal zurückkommt, liegt das Neugeborene bereits zwischen Djudelts Beinen. Die Alte ist gerade dabei, es abzunabeln. Djudelt ist schweißgebadet aber ihr hochrotes Gesicht drückt Freude aus. Sie lächelt müde aber glücklich.

„Glückwunsch! Das hast du gut gemacht!” sagt Adda gerührt.

„Nimm es auf, Adda. Bitte, gib es mir!” haucht die Wöchnerin tonlos. Sie ist ausgelaugt, erschöpft. „Es ist ein Mädchen, Djudelt. Ein süßes Mädchen”, flüstert Adda mit erstickter Stimme. „Wie soll es heißen? Weißt du schon einen Namen für sie?”

„Ja, den weiß ich. Sie soll Adda heißen, weil du sie vom Boden aufgehoben hast”, antwortet Djudelt leise und drückt das Kind zärtlich an ihre Brust, küsst sanft sein feuchtes Köpfchen. Es ist noch ganz blutig, das Würmchen. Die alte Magd nimmt es entgegen, um es zu baden, und während Djudelt mit der Nachgeburt kämpft, versorgt sie die Nabelschnur und wickelt das Kind in saubere Tücher.

Vor Ergriffenheit rollen lautlos Tränen über Addas Wangen...

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