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2 Erfolgreiches Lernen als gute Informationsverarbeitung
ОглавлениеWelche der in Kapitel 1 dargestellten Auffassungen vom Lernen man auch bevorzugt, sie implizieren, dass Lernen ein allgegenwärtiges Phänomen ist: Wir alle lernen vom Beginn unseres Lebens an; ein Leben ohne Lernen ist schlichtweg nicht möglich. Denken wir allerdings an das Lernen in Schule, Aus- und Weiterbildung, so interessiert weniger die Tatsache, dass dort Lernen stattfindet, sondern eher die Frage, wie bzw. unter welchen Bedingungen dieses Lernen erfolgreich verläuft.
Der Begriff des erfolgreichen Lernens weckt unmittelbar die Vorstellung, dass sich lernende Personen in ihren Lernaktivitäten und im Erfolg dieser Aktivitäten voneinander unterscheiden (interindividuelle Differenzen). Hinzu kommt, dass eine einzelne Person nicht immer gleich erfolgreich in ihren Lernbemühungen ist (intraindividuelle Variabilität). Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Thema »Erfolgreiches Lernen« im Folgenden aus einer differenziellen Perspektive bearbeitet wird. In der Differentiellen Psychologie geht es um die Beantwortung der Frage, warum es zwischen Personen systematische interindividuelle Unterschiede gibt und warum einzelne Personen von Situation zu Situation in ihren Verhaltensweisen mehr oder weniger stark variieren. Im Unterschied zu einer allgemeinpsychologischen Betrachtung von Lernen ( Kap. 1), bei der die Frage im Vordergrund steht, was Lernen im Allgemeinen ist und wie es prinzipiell funktioniert, wechseln wir in diesem Kapitel also von einer allgemeinen zu einer differenziellen Perspektive. Trotz oder vielleicht gerade wegen der häufig geäußerten Unzufriedenheit mit dem schulisch-institutionellen Lernen sind wir davon überzeugt, aufgrund der Theorien und Befunde der pädagogisch-psychologischen Lehr-Lern-Forschung ein hoffnungsvolles Bild des Lernens skizzieren zu können. Es gibt durchaus Grund zum Optimismus. Wir wissen nämlich mittlerweile recht viel – wenn auch bei weitem noch nicht alles – darüber, wie erfolgreiches Lernen möglich wird.
Die Frage nach den Prinzipien erfolgreichen Lernens lässt sich in der Pädagogischen Psychologie grundsätzlich aus zwei verschiedenen Perspektiven heraus beantworten: aus der des Lehrenden und aus der des Lernenden. Die Perspektive des Lehrenden führt zu Instruktionsmethoden und zu Lehrprinzipien, die besonders günstig für ein zielorientiertes Lernen sind. Solche Konzepte und Prinzipien werden im zweiten Teil dieses Lehrbuches (insbesondere in Kap. 5 und Kap. 6) vorgestellt. Im vorliegenden Kapitel wird die Frage nach dem erfolgreichen Lernen aus der Perspektive des Lernenden beantwortet. Hierzu ist es zunächst hilfreich, die wichtigsten individuellen Voraussetzungen darzulegen, die zum erfolgreichen Lernen gehören.
Als Ausgangspunkt bietet sich das Ende der 1980er Jahre von Pressley, Borkowski und Schneider (1989) skizzierte Modell der »guten Informationsverarbeitung« an, das sogenannte GIV-Modell (im Folgenden wird auch von den Guten Informationsverarbeitenden als GIVs gesprochen). Auf der Basis der Informationsverarbeitungsmodelle des menschlichen Gedächtnisses ( Kap. 1.3) haben die Autoren das strategische und reflexive Verhalten der Lernenden als Grundlage allen erfolgreichen Lernens bezeichnet. Sie sind der Überzeugung, dass ein planvolles und selbstgesteuertes, also selbstreguliertes Lernverhalten, Voraussetzung für das Erlernen aller bedeutungshaltigen Inhalte ist (Pressley & McCormick, 1995).
Das Modell der guten Informationsverarbeitung. Beim GIV-Modell handelt es sich um eine Art Merkmals- oder Checkliste erfolgreich Lernender. Mit dieser Liste wird ein integrativer Rahmen bereitgestellt, der die unterschiedlichen Befunde aus der kognitiven und der motivationalen Forschungstradition bündelt, in Form einer Beschreibung kompetenten Lernverhaltens. Pressley et al. (1989) schreiben den »guten Informationsverarbeitenden« die folgenden Merkmale zu:
• Sie planen ihr Lernverhalten.
• Sie nutzen effiziente Lernstrategien.
• Sie wissen, wie, wann und warum solche Strategien einzusetzen sind.
• Sie sind motiviert, diese Strategien einzusetzen.
• Sie nutzen Lernstrategien zunehmend automatisch.
• Sie überwachen ihre Lern- und Leistungsfortschritte.
• Sie reflektieren ihr Lernverhalten.
• Sie verfügen über ein Kurzzeitgedächtnis mit hoher Kapazität.
• Sie verfügen über ein reichhaltiges Weltwissen.
• Sie vertrauen ihren Lernfähigkeiten.
• Sie sind davon überzeugt, dass sie sich stets weiter verbessern können und halten dies auch für wünschenswert.
• Sie stellen sich immer wieder neue(n) Anforderungen.
Die aufgelisteten Vorzüge der GIVs bringen weitere Vorteile für die individuelle Lern- und Leistungsentwicklung mit sich. Pressley et al. (1989) sprechen davon, dass die »guten Informationsverarbeitenden« zudem häufiger die Gelegenheit bekommen, sich in »günstigen« Lernumgebungen zu bewähren.
Besondere Bildungsressourcen, wie sie z. B. Eliteschulen bieten, werden vornehmlich jenen zugewiesen, von denen man erwartet, dass sie am meisten davon profitieren. Auch haben jene, die ihr Examen mit einer Auszeichnung bestehen, weitaus größere Chancen, nachfolgend eine Stelle in Forschungsprojekten der Fakultät angeboten zu bekommen als solche mit einem durchschnittlichen Examen. Es gibt aber noch subtilere Selektionsmechanismen. Erfolgreiche Personen werden bevorzugt von anderen erfolgreichen Personen als Mitarbeiter ausgewählt. So kommt es dann dazu, dass GIVs mehr Gelegenheit zur Kooperation mit anderen GIVs erhalten, was zusätzlich ihren intellektuellen Fortschritt stimuliert. (Pressley et al., 1989, S. 862)
Die im GIV-Modell aufgelisteten Charakteristika erfolgreich Lernender lassen sich im wesentlichen vier Bereichen individueller Voraussetzungen des Lernens zuordnen: den Aufmerksamkeits- und Arbeitsgedächtnisfunktionen bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, dem Umfang und der Qualität des im Langzeitgedächtnis verfügbaren Vorwissens, der Nutzung und metakognitiven Regulation von Lernstrategien sowie den motivationalen Dispositionen und Selbstkonzepten mit ihren spezifischen Auswirkungen auf die Intensität und Aufrechterhaltung von Lernprozessen. In enger Anlehnung an das GIV-Modell werden im Folgenden diese vier Bereiche individueller Voraussetzungen erfolgreichen Lernens näher dargestellt.
Das Lernen von GIVs ist zwar in der Regel erfolgreicher als das Lernen von Lernenden mit weniger guten individuellen Voraussetzungen. Aber es gibt durchaus auch bei den GIVs intraindividuelle Schwankungen in der Qualität guten Lernens, für deren angemessene Erklärung die vier im GIV-Modell angesprochenen Merkmalsbereiche nicht ausreichen. Deshalb erweitern wir unsere Darstellung der wichtigsten individuellen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen um die Bereiche der Willensbildung (Volition) und die den Lernprozess begleitenden Emotionen. Grundlage unserer Ausführungen in diesem Kapitel ist daher ein heuristisches Modell, das die fünf Merkmalsbereiche individueller Voraussetzungen erfolgreichen Lernens miteinander verzahnt. Wir nennen es das INVO-Modell (INdividuelle VOraussetzungen) erfolgreichen Lernens ( Abb. 2.1). Die Darstellungsform über miteinander verbundene – so aber nicht zum Laufen kommende – Zahnräder wurde aus didaktischen Gründen bewusst gewählt. Sie macht nämlich auf einen Blick deutlich, dass wir bei aller Detailkenntnis über die relevanten individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens derzeit noch nicht genügend darüber wissen, wie denn die Voraussetzungen erfolgreichen Lernens genau zusammenwirken müssen, um den Lernerfolg zu garantieren.
Abb. 2.1: Modell der individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens (INVO-Modell)
Die individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens unterliegen zum Teil deutlichen Entwicklungsveränderungen und bisweilen kommt es in dem einen oder anderen Bereich auch zu massiven Störungen oder Entwicklungsverzögerungen, die die Lernmöglichkeiten im Einzelfall gravierend einschränken können. Auf diese Entwicklungsabhängigkeiten und individuellen Besonderheiten des Lernens gehen wir in diesem Kapitel nicht ein. Sie sind aber für das Verstehen und Optimieren des Lernens im pädagogischen Alltag von solch großer Bedeutung, dass ihnen ein eigenes Kapitel gewidmet ist ( Kap. 4.1).