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Kann Intelligenz Vorwissen ersetzen?
ОглавлениеVor dem Siegeszug der Informationsverarbeitungsmodelle zur Beschreibung und Erklärung erfolgreichen Lernens galt die allgemeine Intelligenz als bedeutsamste individuelle kognitive Voraussetzung des Lernerfolgs und sie wird daher in vielen einschlägigen Lehrbüchern der Pädagogischen Psychologie noch immer als solche beschrieben (z. B. Gage & Berliner, 1996; Ormrod, 2011; Slavin, 2014; Sternberg & Williams, 2002; Woolfolk, 2008). In vielen Wissensdomänen findet man nun tatsächlich einen überzufälligen, wenn auch eher geringen statistischen Zusammenhang zwischen dem Vorwissen und der allgemeinen Intelligenz: Inhaltliche Experten in so unterschiedlichen Bereichen wie z. B. in der Physik, der Geschichte oder der Musik weisen im Vergleich zu einer Zufallsauswahl von Novizen zumeist auch bessere Intelligenztestwerte auf (Sternberg & Wagner, 1985). Dies legt die Vermutung nahe, dass die berichteten Vorteile von Experten weniger die Folge ihres höheren Vorwissens als vielmehr die Konsequenz ihrer ohnehin höheren intellektuellen Fähigkeiten sein mögen. Möglicherweise werden nämlich nur die intelligenteren Personen zu Experten in irgendeiner Domäne.
Um die Frage zu klären, ob die vielfältigen empirischen Belege des Lern- und Leistungsvorteils bei ausgeprägtem bereichsspezifischem Vorwissen in Wirklichkeit lediglich die Wirksamkeit von Intelligenzunterschieden widerspiegeln, sind unterschiedliche empirische Analysen denkbar. Eine besteht darin, eine Wissensdomäne zu untersuchen, bei der das Vorwissen nicht von vornherein mit der allgemeinen Intelligenz kovariiert. In einer solchen Domäne könnte man jeweils Experten und Novizen mit einer hohen wie mit einer niedrigen Intelligenz finden und anhand ihrer jeweiligen Lernerfolge ließe sich die Bedeutsamkeit des Vorwissens im Vergleich zum Einfluss der Intelligenz beurteilen.