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Definition: Gedächtnisspanne
ОглавлениеDie individuelle Gedächtnisspanne einer Person ist definiert als die maximale Anzahl von Items (meist Ziffern oder Wörter), die im Anschluss an eine einmalige Darbietung (meist akustisch im Sekundenrhythmus) in der vorgegebenen Reihenfolge korrekt wiedergegeben werden kann.
Schon Atkinson und Shiffrin (1968) haben darauf hingewiesen, dass der Kurzzeitspeicher beim Verarbeiten von Informationen die Funktion eines Arbeitsgedächtnisses übernimmt. Typische Arbeitsgedächtnisfunktionen bestehen etwa in der Nutzung von Strategien und Kontrollprozessen, um den Lernfortschritt zu optimieren und den späteren Abruf von Informationen aus dem Gedächtnis zu erleichtern. Das Arbeitsgedächtnis (working memory) ist demnach ein internes kognitives System, das es ermöglicht, mehrere Informationen vorübergehend bewusst zu halten und zueinander in Beziehung zu setzen. Die klassische Vorstellung eines Speichers mit fünf bis neun Speicherplätzen erscheint zu statisch, um ein solch multi-funktionales System wie das Arbeitsgedächtnis angemessen zu beschreiben.
Interindividuelle Unterschiede in der oben beschriebenen Gedächtnisspanne hängen auch von der Geschwindigkeit ab, mit der die dargebotenen Informationseinheiten identifiziert bzw. innerlich nachgesprochen werden können (Dempster, 1981; Hasselhorn, 1988). Dies weist darauf hin, dass nicht nur strukturelle, sondern auch prozessuale Kapazitätsaspekte von Bedeutung sind. Man spricht daher heute vielfach auch von der funktionalen bzw. funktional verfügbaren Kapazität des Arbeitsgedächtnisses.
Theoretische Modelle zur Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses sind so zahlreich wie unterschiedlich (Logie, Camos & Cowan, 2021). Neben den Vorstellungen vom Arbeitsgedächtnis als einer einheitlichen (eigenen) Ressource, die flexibel und adaptiv bei der Bewältigung unterschiedlicher Aufgabenanforderungen Verwendung findet (z. B. Case, 1995; Daneman & Carpenter, 1980), gibt es die Auffassung, dass die Aufmerksamkeit, das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis ohnehin sehr eng miteinander verknüpft seien. Cowan (2005) hat diese Auffassung sehr pointiert formuliert: Das Arbeitsgedächtnis sei nichts anderes als jene Teilmenge des Langzeitgedächtnisses, die durch Aufmerksamkeitsfokussierung temporär gerade aktiviert ist.
Für die Beschreibung und Erklärung der Funktionen des Arbeitsgedächtnisses beim intentionalen Lernen komplexer Inhalte hat sich in der europäischen Tradition eine mehrsystemige Modellvorstellung durchgesetzt, die seit Anfang der 1970er Jahre von der britischen Arbeitsgruppe um Alan Baddeley immer weiter ausgearbeitet wurde. Frühe experimentelle Arbeiten führten Baddeley und Hitch (1974) zu der Einsicht, dass die damals verbreitete Annahme eines eindimensionalen Arbeitsgedächtnisses unangemessen sei. Bei der gleichzeitigen Bearbeitung von Anforderungen unterschiedlicher Modalitäten (z. B. Hören und Sehen) zeigten die Untersuchungsteilnehmer zwar Leistungseinbußen; diese fielen aber weit geringer aus, als man es bei einer generell begrenzten Arbeitsgedächtnis-Ressource erwarten sollte.
Baddeley (1986) beschrieb daher das Arbeitsgedächtnis als komplexes Systemgefüge, in dem einer Leitzentrale (zentrale Exekutive) spezifische Hilfssysteme für die separate Verarbeitung visuell-räumlicher bzw. sprachlich-akustischer Informationen untergeordnet sind ( Abb. 2.2). Zusätzlich postulierte Baddeley (2000) einen Verbindungsmechanismus (episodischer Puffer) zwischen den beiden Hilfssystemen, der Leitzentrale und dem Langzeitgedächtnis. Auch dieser Mechanismus hat aber wiederum nur eine begrenzte Kapazität. Seine Aufgabe ist es, die funktionale Kapazität des Arbeitsgedächtnisses zu optimieren, und zwar durch die Integration der Informationen aus den Hilfssystemen und aus dem Langzeitgedächtnis.
Abb. 2.2: Modell des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley (1986, 2000)
Mit Gedächtnisspannenaufgaben der oben beschriebenen Art (serielle Reproduktion von Ziffern- oder Wortlisten) lässt sich die Funktionstüchtigkeit des für die Verarbeitung von sprachlich-akustischer Information zuständigen Hilfssystems gut erfassen. Das Arbeitsgedächtnis als Gesamtsystem ist aber nicht nur für das Speichern und Abrufen von Reihenfolgeinformationen zuständig, sondern auch für die darüber hinaus gehenden Transformationsprozesse. Deshalb werden heute komplexere Aufgaben verwendet, um etwas über die Funktionstüchtigkeit des gesamten Arbeitsgedächtnisses zu erfahren. Die einfachste Form einer komplexen Anforderung an das Arbeitsgedächtnis ist eine Aufgabe zur Erfassung der sogenannten Rückwärtsspanne. Wie bei der Erfassung der »Gedächtnisspanne vorwärts« werden Sequenzen von Items dargeboten. Die Leistungsanforderung besteht allerdings darin, die dargebotenen Sequenzen in der umgekehrten Reihenfolge zu reproduzieren. Verbreitet ist die Aufgabe »Ziffern nachsprechen, rückwärts«, wobei die Ziffern im Sekundenrhythmus dargeboten werden (z. B. 6 – 4 – 2 – 5) und anschließend in umgekehrter Reihenfolge wiederzugeben sind (5 – 2 – 4 – 6).