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Fokus: Erfassung der Arbeitsgedächtnisspanne
ОглавлениеKomplexe Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis beinhalten die Durchführung vielfältiger Speicher- und Transformationsprozesse. In Aufgaben dieser Art werden Personen beispielsweise aufgefordert, ein Set unzusammenhängender Sätze zu lesen und den Wahrheitsgehalt eines jeden Satzes zu bewerten (z. B. »Der März ist der erste Monat im Jahr, der 30 Tage hat.« oder »Die Sprachen Englisch und Deutsch gehen auf die gleichen Wurzeln zurück.« oder »Der Mensch gehört zu den Primaten, weil er aufrecht geht.«). Anschließend müssen die jeweils letzten Wörter dieser Sätze in der Reihenfolge der Satzdarbietung wiedergegeben werden (also »hat – zurück – geht«). Bei einer anderen Aufgabe müssen einfache Rechenaufgaben auf ihre Richtigkeit geprüft werden (z. B. »(2 × 3) – 2 = 4« oder »(6/3) + 2 = 8« oder »(4 × 2) – 5 = 3«). Anschließend sind die vorgegebenen Lösungen in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben (also »4 – 8 – 3«).
Die auf Teilsystemen fußende Grundkonzeption des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley (1986, 2000) eröffnet Möglichkeiten für eine sehr anschauliche und differenzierte Beschreibung der Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses beim Bearbeiten komplexer Lernanforderungen. Dies wird mittlerweile auch für die Praxis der Diagnostik individueller Lernpotenziale genutzt. So liegt im deutschen Sprachraum eine dieser Grundkonzeption verpflichtete computergestützte und adaptive Arbeitsgedächtnistestbatterie für Kinder von 5 bis 12 Jahren vor (AGTB 5–12, Hasselhorn, Schumann-Hengsteler et al., 2012), mit deren Hilfe individuelle Besonderheiten der Funktionstüchtigkeit der unterschiedlichen Arbeitsgedächtnissysteme erfasst werden können. Auch neuropsychologische Befunde stützen die Annahme getrennter und damit partiell unabhängiger Teilsysteme für die Verarbeitung verbaler und visuell-räumlicher Informationsmerkmale (Jonides et al., 1996).