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Wie beeinflusst Vorwissen das Lernen?

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Die Frage, welche Wirkmechanismen dazu führen, dass Lernende vom inhaltlichen Vorwissen profitieren, ist nicht leicht zu beantworten. Die meisten Erklärungen haben ihre theoretischen Wurzeln in der erstmals von Bartlett (1932, S. 204 f) im Rahmen seiner Schematheorie formulierten Konstruktionshypothese. Kerngedanke dieser Hypothese ist, dass das menschliche Gedächtnis bei der Konstruktion neuen Wissens die neuerlich zum Lernen vorgelegte Information nicht einfach »fotografisch« abbildet, sondern auf der Basis des vorhandenen Vorwissens interpretiert und dabei durchaus in sehr subjektiver Weise verändert. Bartlett demonstrierte die vorwissensbasierten Rekonstruktionen, indem er bestimmte Geschichten vorlegte und nacherzählen ließ. Die Inhalte und der sprachliche Stil der von ihm verwendeten Geschichten entstammten einer für die Teilnehmenden der Untersuchung sehr fremden Kultur. In den Nacherzählungen fand Bartlett eine Reihe von Verzerrungen, die er auf drei Arten vorwissensbasierter rekonstruktiver Prozesse zurückführte:

1. ein Vereinfachen von Sachverhalten (Nivellierung)

2. ein Hervorheben und Überbetonen bestimmter Details (Akzentuierung)

3. ein Verändern von Details, was zu einer besseren Übereinstimmung des Gehörten oder Gelesenen mit dem eigenen Vorwissen führt (Assimilation)

Die von Bartlett (1932) beschriebenen konstruktiven Prozesse könnten den Eindruck erwecken, Vorwissen behindere Lernen eher als es zu befördern. In der Tat kann das auch passieren. Lernen kann tatsächlich durch verfügbares Vorwissen beeinträchtigt werden. Je nach Art der Lernanforderung und des Gegenstandsbereichs, über den gelernt werden soll, können die vorwissensbasierten Nivellierungs-, Akzentuierungs- und Assimilationsprozesse unter Umständen Fehl- bzw. Misskonzepte in der Vorstellung der Lernenden zur Folge haben. So berichten z. B. Spiro, Feltovich, Coulson und Anderson (1989), dass bei der Ausbildung medizinischen Fachpersonals bisweilen Fehlvorstellungen über die Druckeigenschaften des cardio-vaskulären Systems entstehen, wenn die Lernenden durch vorherige Ausbildungsphasen Expertise über die Funktionsweise von Wasserleitungen und deren Druckeigenschaften erworben haben. Sie scheinen dann nämlich ihr Vorwissen aus der anderen Domäne als (irreführende) Analogie für das Verstehen der noch unbekannten Domäne zu nutzen.


Abb. 2.7: Hypothetischer Zusammenhang zwischen dem Ausmaß bereichsspezifischen Vorwissens und der Wirksamkeit von Lernhilfen

Grundsätzlich ist die Nutzung von Analogien beim Lernen komplexer Sachverhalte jedoch von Vorteil. Diskrepanzen zwischen vertrauten und neu zu lernenden Konzepten können nämlich auch in lernförderlicher Weise erkannt und für ein erfolgreiches Lernen genutzt werden. Analoges Zuordnen wird bisweilen als ein kognitiver Grundprozess aufgefasst, der notwendig ist, um neue Sachverhalte überhaupt zu verstehen (Hasselhorn, 2001). Man spricht daher auch von analogem Verstehen, wenn ein bekannter Sachverhalt (Vorwissen) das Verstehen eines neuen Sachverhaltes erst ermöglicht oder zumindest erleichtert. Analoges Verstehen ist übrigens auch dann möglich, wenn sich die Eigenschaften und Beziehungen eines vertrauten Sachverhaltes nur teilweise auf den neuen Sachverhalt übertragen lassen. In Kapitel 3.3 werden wir uns ausführlicher mit dem wichtigen Thema des Lerntransfers auseinandersetzen.

Pädagogische Psychologie

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