Читать книгу Pädagogische Psychologie - Marcus Hasselhorn - Страница 69
2.1 Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis
ОглавлениеDie Beschreibung erfolgreichen Lernens als »gute Informationsverarbeitung« legt es nahe, das in Kapitel 1 vorgestellte modale Grundmodell der Informationsverarbeitung ( Abb. 1.2) zum Ausgangspunkt der weiterführenden Überlegungen zu den individuellen Voraussetzungen des Lernens zu wählen. Lernen wird dabei als Kette von Prozessen der Informationsaufnahme, -transformation und -organisation beschrieben. Beim absichtlichen und gezielten Lernen wird der Lernende in systematischer Weise mit Reizinformationen konfrontiert. Diese werden in modalitätsspezifischen sensorischen Registern für wenige Millisekunden festgehalten, aber noch nicht bewusst wahrgenommen. Folgt man beispielsweise einem Vortrag oder liest einen Text, dann wird die gehörte oder die gelesene Sprache zunächst einmal sensorisch-analog im Sinne einer Repräsentation ihrer physikalischen Merkmale enkodiert. Erst im weiteren Verlauf der Informationsverarbeitung erfolgen sinngebende Interpretationen, die aus den sensorischen Registrierungen Informationen für den Lernenden werden lassen. Funktional intakte sensorische Register sind mithin notwendige Voraussetzung dafür, dass sinnstiftendes inhaltsbezogenes Lernen und die Konstruktion von Wissensstrukturen überhaupt stattfinden kann.
Der Lernprozess im engeren Sinne beginnt erst dann, wenn die lernende Person einer Auswahl der in den sensorischen Registern »festgehaltenen« Reizinformationen ihre Aufmerksamkeit zuwendet. Diese Aufmerksamkeitszuwendung kann gezielt oder auch unwillkürlich erfolgen. Entscheidend für die weitere Verarbeitung ist jedoch, dass nur die mit Aufmerksamkeit bedachten Informationselemente in das Kurzzeitgedächtnis gelangen, das wegen seiner zentralen Funktionen für die komplexen Lernprozesse häufig auch als Arbeitsgedächtnis bezeichnet wird. Das Arbeitsgedächtnis hat in Bezug auf die verarbeitbare Informationsmenge und hinsichtlich der Möglichkeit ihrer zeitüberdauernden Aufbewahrung allerdings nur eine begrenzte Kapazität. Weil aber neue Informationen permanent in das Arbeitsgedächtnis »nachdrängen«, besteht für die im Arbeitsgedächtnis befindliche Information beständig die Gefahr, wieder verloren zu gehen.
Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Vorstellungen zum Informationsfluss wird die Auffassung verständlich, dass die Qualität der dem Lernen zugrunde liegenden Informationsverarbeitung zuallererst von der Steuerung und Qualität der Aufmerksamkeitsprozesse und von der Funktionstüchtigkeit des Arbeitsgedächtnisses abhängig ist. Tatsächlich haben Forschungsarbeiten gezeigt, dass spezifische Funktionen der Aufmerksamkeitszuwendung und des Arbeitsgedächtnisses bei verschiedenen Personen durchaus unterschiedlich gut ausgebildet sind und damit der Effektivität individueller Lernprozesse mehr oder weniger enge Grenzen setzen. Mit anderen Worten: Es gibt systematische interindividuelle Differenzen.
Insbesondere bei den Aufmerksamkeitsfunktionen sind aber zudem starke situative Variabilitäten zu beobachten. Ein und derselbe Lernende ist einmal wach und aufnahmebereit, so dass er etwa im Unterricht den dargebotenen Stoffinhalten seine volle Aufmerksamkeit zuwendet, und ein anderes Mal ist er weniger lernbereit, so dass auch entsprechend wenig lehrstoffbezogene Information im Arbeitsgedächtnis ankommt. Solche situativen Schwankungen werden auch als intraindividuelle Variabilität bezeichnet. Im Folgenden werden einige der für die Erklärung interindividueller Differenzen und intraindividueller Variabilität des Lernerfolgs relevanten Facetten der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses näher betrachtet.