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Visuell-räumliches Arbeitsgedächtnis

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In der neuropsychologischen Literatur finden sich Evidenzen für die Annahme, dass die Verarbeitung sprachlicher und visuell-räumlicher Informationen in partiell unabhängigen Teilsystemen erfolgt (Chai, Abd Hamid & Abdullah, 2018). Auch das Generieren visueller Vorstellungen und das kurzfristige Behalten visuell-räumlicher Informationen haben sich nach Erkenntnissen aus Studien an Patienten mit Kopfverletzungen als voneinander unabhängige Funktionen erwiesen (Morton & Morris, 1995). Während spezifische Schädigungen in der linken Hirnhälfte mit Defiziten beim Generieren von und Operieren mit anschaulichen Vorstellungsbildern einher zu gehen scheinen (Farah, 1984), findet man eher Zusammenhänge mit Schädigungen im rechten posterioren parietalen Cortex, wenn Repräsentations- und Behaltensprobleme für visuell-räumliche Informationen vorliegen (Beschin, Cocchini, Della Salla & Logie, 1997). Selbst die Verarbeitung visueller und räumlicher Informationsmerkmale scheint allerdings durch unterschiedliche Bereiche des Cortex geleistet zu werden (Courtney, Ungerleider, Keil & Haxby, 1996).

Experimentelle Analysen zum visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnis basieren im Wesentlichen auf zwei Typen von Anforderungen: dem Behalten räumlicher Bewegungen und dem Behalten visueller Muster. Typische Varianten dieser unterschiedlichen Anforderungen sind die Corsi-Block-Aufgabe für räumliche Bewegungen und die sogenannte Muster-Rekonstruktionsaufgabe. Bei der Corsi-Block-Aufgabe handelt es sich um eine Gedächtnisspannenaufgabe für räumlich-sequentielle Information. Vorgegeben wird in der Standardversion ein graues Brett, auf dem neun Blöcke in einer unregelmäßigen Anordnung positioniert sind ( Abb. 2.3). Die Blöcke unterscheiden sich nicht voneinander. Der Untersuchungsleiter tippt einzelne Blöcke in einer bestimmten Reihenfolge im Sekundenrhythmus an. Die Versuchsteilnehmer müssen die vorgegebene Sequenz unmittelbar danach durch Nachtippen replizieren. Die Anzahl der in einer Sequenz enthaltenen Blöcke wird sukzessive gesteigert, bis eine fehlerfreie Wiedergabe nicht mehr gelingt. Erwachsene können im Durchschnitt Sequenzen von etwa sechs bis sieben Blöcken richtig antippen.


Abb. 2.3: Standardversion der Corsi-Block-Aufgabe

Bei der Muster-Rekonstruktionsaufgabe werden in der Regel quadratische Matrizenanordnungen dargeboten, auf denen einzelne Felder schwarz eingefärbt sind, so dass sich ein Muster ergibt. Häufig wird dabei die Komplexität der Muster variiert ( Abb. 2.4). Die Darbietungszeit der Muster steigt mit zunehmender Anzahl der schwarzen Felder linear an. Unmittelbar nach der Musterpräsentation muss auf einer Matrizenvorlage mit ausschließlich weißen Feldern gezeigt werden, welche Felder bei der zuvor gezeigten Musteranordnung schwarz waren. Analog zum Vorgehen bei der Corsi-Block-Aufgabe wird die Anzahl der schwarzen Felder so lange gesteigert, bis das Muster nicht mehr korrekt wiedergegeben werden kann. Die durchschnittliche Leistung junger Erwachsener liegt bei Mustern mit neun schwarzen Feldern.

Experimentelle Analysen der Leistungen bei Corsi-Block- und Muster-Rekonstruktionsaufgaben haben die Entwicklung der Modellvorstellungen über das visuell-räumliche Hilfssystem nachhaltig beeinflusst. Es zeigte sich, dass die Kapazität für das Behalten visueller Muster und die Kapazität für das Behalten von Bewegungssequenzen im Raum relativ unabhängig voneinander sind. Versucht man nämlich, die Leistungen bei Aufgaben dieser Art zu beeinträchtigen, indem man zeitgleich eine zweite Aufgabe bearbeiten lässt, so findet sich ein interessanter Unterschied: Besteht die Zweitaufgabe z. B. im Ausführen einer Armbewegung, dann werden dadurch die dynamischen visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisleistungen, wie sie bei den Corsi-Blocks zu erbringen sind, gestört, jedoch nicht die Leistungen bei der Standardvariante der Muster-Rekonstruktionsaufgabe, die eher Anforderungen an eine statische Repräsentation im Arbeitsgedächtnis stellt (z. B. Logie, Zucco & Baddeley, 1990). Umgekehrt wird das Behalten visueller Muster, nicht aber das von räumlichen Sequenzen, durch irrelevante visuelle Zusatzinformationen (z. B. Wechsel in der Farbgestaltung der Mustervorlagen) beeinträchtigt (z. B. Logie, 1986).


Abb. 2.4: Beispiel für die Vorlage eines einfachen (links) und komplexen Musters (rechts) bei der Muster-Rekonstruktionsaufgabe

Logie (1995) unterscheidet daher zwischen zwei Komponenten des visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisses: einem visuellen Speicher (Visual Cache) und einem Mechanismus für die Aufnahme räumlicher Bewegungssequenzen, den er über die Metapher eines inneren Schreibprozesses (Inner Scribe) beschreibt. Im visuellen Speicher werden vor allem Merkmale der Form und der Farbe repräsentiert – sein Repräsentationsformat ist statisch. Der räumliche Mechanismus besitzt hingegen ein dynamisches Repräsentationsformat und ist auch dafür zuständig, Informationen des visuellen Speichers durch eine Art mentalen Abschreibens zu wiederholen und damit längerfristig verfügbar zu halten.

Pädagogische Psychologie

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