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Studie: Wortlängeneffekt und Artikulationsdauer

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Baddeley, Thomson und Buchanan (1975) untersuchten den Effekt der Wortlänge auf die Leistung bei einer Gedächtnisspannenaufgabe. Mit ansteigender Silbenzahl der verwendeten Wörter sank die Gedächtnisspannenleistung der untersuchten jungen Erwachsenen. Der Befund tritt auf, wenn die Wortsequenzen akustisch präsentiert werden, er zeigt sich aber auch bei einer Darbietung von Abbildungen der durch die Wörter bezeichneten Objekte. Als entscheidend für den Effekt erwies sich die zur Aussprache der Begriffe benötigte Zeit. Es zeigte sich nämlich, dass selbst bei konstant gehaltener Silben- und Phonemzahl die Gedächtnisspanne für Wörter mit kürzerer Artikulationsdauer größer ist als für Wörter mit längerer Aussprechdauer.

In einem weiteren Experiment fanden die Autoren, dass die Gedächtnisspanne in etwa der Anzahl von Items entspricht, die eine Person in 1,87 Sekunden aussprechen kann. Zu ähnlichen Schätzwerten der Kapazität des phonetischen Speichers kommen auch Schweickert und Boruff (1986) sowie Hasselhorn (1988).

Der hier beschriebene subvokale Kontrollprozess erfolgt schon im Schulalter automatisch. Er dient dem »Auffrischen« von Informationen, die bereits in den phonetischen Speicher gelangt sind, erfüllt jedoch noch weitere Funktionen. So dient er der Übersetzung von bildlicher Information in sprachliche durch das phonetische Umkodieren des visuell dargebotenen Materials. Dies gilt nicht nur für bedeutungshaltige Bilder (Baddeley et al., 1975), sondern auch für das Dekodieren von Graphemen beim leisen Lesen (Daneman & Stainton, 1991). Insgesamt bieten die Mechanismen des phonologischen Arbeitsgedächtnisses eine hervorragende Basis für die Verarbeitung von Reihenfolgeinformation, und zwar nicht nur für verbales Material, sondern auch für die Verarbeitung zeitlicher Muster, wie es sich etwa beim Reproduzieren akustisch dargebotener Zeitintervalle im Sekundenbereich zeigt (Grube, 1996).

Die Gedächtnisspanne kann auch als Indikator für die funktional verfügbare Gesamtkapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses insgesamt herangezogen werden. Für die indirekte Abschätzung der Geschwindigkeit des in der Regel automatisch einsetzenden subvokalen Kontrollprozesses wird häufig die Artikulationsdauer bzw. die Sprechrate für das in der jeweiligen Gedächtnisspannenaufgabe verwendete Item-Material benutzt. Eine verbreitete Methode zur Erfassung der Sprechrate wurde von Hulme, Thomson, Muir und Lawrence (1984) eingeführt. Die Autoren schlugen vor, einfache Wort-Tripel (z. B. »Fisch – Ball – Stern«) vorzugeben und diese dann zehn Mal hintereinander so schnell wie möglich nachsprechen zu lassen. Aus der dafür benötigten Zeit lässt sich dann die für das Artikulieren eines Wortes im Durchschnitt benötigte Zeit ermitteln.

Die Funktionstüchtigkeit des phonetischen Speichers lässt sich nach Ansicht von Gathercole und Baddeley (1993) anhand eines weiteren Phänomens erkennen, des sogenannten akustischen Ähnlichkeitseffekts: Gibt man bei einer Gedächtnisspannenaufgabe klangähnliche Items vor (z. B. »Schwan, Krahn, Bahn, Zahn«) anstelle der im Standardverfahren üblichen klangunähnlichen (z. B. »Topf, Schuh, Baum, Zahn«), so fällt die Gedächtnisspannenleistung schlechter aus. Anders als der auf subvokales inneres Sprechen zurückgeführte Wortlängeneffekt bleibt der Effekt der akustischen Ähnlichkeit durch eine belanglose sprachliche Zweitanforderung (z. B. während der Item-Darbietung permanent den Laut »bla« zu wiederholen) übrigens unbeeinflusst (Baddeley, 1986).

Zur Messung der individuellen Kapazität des phonetischen Speichers haben Gathercole, Willis, Baddeley und Emslie (1994) das Nachsprechen von Kunstwörtern (Nonword Repetition) vorgeschlagen. Beim Kunstwörternachsprechen handelt es sich um eine Aufgabenanforderung, bei der eine akustisch dargebotene Lautfolge nachzusprechen ist, die zwar Ähnlichkeiten zu »richtigen« Wörtern aufweist, jedoch ohne sinnhafte muttersprachliche Bedeutung ist (z. B. »wuralten«, »kalibritzen«). Das Grundprinzip solcher Aufgaben wurde bereits in den 1950er Jahren von der Schweizer Logopädin Greta Mottier (1951) verwendet, um die »akustische Differenzierungsfähigkeit« von Kindern zu erfassen. Die Kapazität des phonetischen Speichers lässt sich so, unbeeinflusst vom »semantischen Lexikon« einer Person, über die Länge der Kunstwörter erschließen, bei denen das Nachsprechen noch weitgehend fehlerfrei gelingt.

Pädagogische Psychologie

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