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Studie: Expertisevorteil und Lebensalter
ОглавлениеSchneider, Gruber, Gold und Opwis (1993) untersuchten Kinder und Erwachsene, die jeweils entweder Schachexperten oder Schachnovizen waren, und ließen sie drei Aufgaben bearbeiten. Die beiden ersten Aufgaben bestanden darin, eine nur kurz dargebotene Schachstellung aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Es handelte sich dabei einmal um eine sinnvolle (tatsächlich mögliche) und einmal um eine zufällige (den Schachspielregeln widersprechende) Stellung. Bei der dritten Aufgabe war eine »Klötzchenlandschaft« auf einem Brett mit unregelmäßiger Spielfeldstruktur nachzustellen. Mit dieser Aufgabe sollte geprüft werden, ob die Schachexperten generell über ein besseres visuell-räumliches Arbeitsgedächtnis verfügen.
Die größten Unterschiede zwischen den Experten und den Novizen gab es bei der Rekonstruktion der sinnvollen Schachstellung, hier kam der Vorwissensvorteil der Experten besonders zum Tragen. Das Alter spielte keine Rolle, d. h. Kinder- und Erwachsenenexperten zeigten das gleiche Leistungsniveau und auch Kindernovizen und erwachsene Novizen unterschieden sich nicht wesentlich in ihrer Leistung. Der Expertisevorteil verringerte sich bei der Zufallsstellung und verschwand völlig bei der Klötzchenaufgabe.
Dass Experten im Bereich ihrer Domäne nicht nur über mehr Wissen verfügen als andere, sondern auch über ein qualitativ höherwertiges Wissen, scheint unumstritten. Aber wie lässt sich die mit der Expertise einhergehende Qualität von Vorwissen näher beschreiben? De Jong und Ferguson-Hessler (1996) haben ein hierfür hilfreiches Klassifikationsmodell vorgelegt. Darin unterscheiden sie vier Wissensarten, nämlich Wissen über Situationen (situationales Wissen), über Fakten (konzeptuelles Wissen), über Handlungen (prozedurales Wissen) und über die Möglichkeiten, eigene Handlungen kontrollieren zu können (strategisches Wissen). Diese vier Wissensarten lassen sich jeweils durch fünf verschiedene Wissensqualitäten charakterisieren: Das erste Qualitätsmerkmal ist der hierarchische Status von Wissen, der von »sehr oberflächlich« bis »sehr tief« variieren kann; die damit eng verwandte Eingebundenheit von Wissen charakterisiert dessen innere Struktur und hat die Endpole »isoliert« und »vernetzt«. Drittes Qualitätsmerkmal ist der Automatisierungsgrad von Wissen, der sich darauf bezieht, wie viel bewusste Anstrengung (und damit Arbeitsgedächtniskapazität) erforderlich ist, um das Wissen zu aktivieren und zu nutzen. Beim vierten Qualitätsmerkmal, der Modalität, geht es um das Repräsentationsformat von Wissen (vor allem um das Gegensatzpaar »bildhaft-ganzheitlich« vs. »propositional-analytisch«), und mit dem Allgemeinheitsgrad von Wissen ist gemeint, ob Wissen eher »genereller« Natur ist oder eher »bereichsspezifisch« begrenzt.
Das skizzierte Klassifikationsmodell der Qualitätsmerkmale von (Vor-)Wissen erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch bietet es eine nützliche Orientierung, wenn es darum geht, die Komplexität und die Besonderheit der Vorwissensqualität von Experten zu umschreiben.
Expertise-Effekte auf das Verstehen und Behalten neuer Informationen sind mittlerweile in einer Vielzahl von Domänen (z. B. Physik, Radiologie, Tennis, Fußball, Stenographie, Mathematik, Geschichte, Musik) nachgewiesen worden. In einer Bilanzierung der Befunde dieser Forschung identifizierte der National Research Council (2000) die folgenden sechs Prinzipien der bereichsspezifischen Wissensqualität von Experten und des damit verbundenen besonderen Lernpotenzials:
• Experten bemerken Merkmale und Bedeutungsmuster des Lernmaterials, die von Novizen gar nicht entdeckt werden.
• Experten haben ein umfangreiches domänenspezifisches Wissen erworben und auf einem sehr hohen Verstehensniveau sinnvoll organisiert.
• Das Vorwissen von Experten lässt sich nicht auf isolierte Fakten, Konzepte oder Handlungsmuster reduzieren, es spiegelt vielmehr zugleich eine Vielzahl von Anwendungskontexten wider.
• Experten können wichtige Aspekte ihres Wissens ohne große Anstrengung abrufen und scheinbar automatisch nutzen.
• Experten verfügen über variable und flexible Reaktionsmuster im Umgang mit neuen Situationen.
• Wie gut Experten ihre besonderen Kenntnisse auch an andere Personen weitergeben können, hat mit ihrem Expertisestatus allerdings nichts zu tun.