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Zentral-exekutive Funktionen

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Die beschriebenen Hilfssysteme des Arbeitsgedächtnisses ermöglichen eine differenzierte modalitätsspezifische Verarbeitung von Informationen. Sie bilden damit eine notwendige Voraussetzung der »guten Informationsverarbeitung«. Erfolgreiches Lernen erfordert jedoch auch eine intelligente Nutzung dieser Hilfssysteme und ihrer Verarbeitungsmöglichkeiten. Dazu ist eine Überwachung und Kontrolle der Inhalte und Verfügungskapazitäten des gesamten Arbeitsgedächtnisses ebenso erforderlich wie die Anpassung und Steuerung der darin ablaufenden Verarbeitungsprozesse. Im Modell des Arbeitsgedächtnisses von Baddeley (1986, 2000) werden diese Funktionen einer zentralen Exekutiven zugeschrieben. Die neuroanatomisch der Region des Frontallappens zugeordnete zentrale Exekutive wird dabei als ein Supervisions- und Kontrollsystem der eigenen Aufmerksamkeit angesehen. Sie überwacht die in den Hilfssystemen aktivierten Inhalte und verantwortet, welche Informationen bewusst gemacht oder in irgendeiner Form zur Verarbeitung transformiert werden sollen. Verarbeitungs- und Handlungspläne werden hier entworfen, umgesetzt, überwacht und modifiziert. Dazu koordiniert die zentrale Exekutive Informationen aus verschiedenen Quellen, stellt ausgewählte Informationen gezielt in den Fokus der Aufmerksamkeit, aktiviert Wissen aus dem Langzeitgedächtnis und sorgt während des Lernprozesses dafür, dass sich aufdrängende, aufgabenirrelevante Handlungsimpulse unterdrückt werden (Baddeley, 1996).

Einem Vorschlag von Baddeley (1996) zufolge sollten wenigsten vier verschiedene zentral-exekutive Funktionen voneinander abgegrenzt werden. Neben der Koordinationskapazität bei der gleichzeitigen Bearbeitung zweier Anforderungen sind das drei weitere Teilfunktionen: die Flexibilität beim Wechsel von Abrufstrategien, die selektive Fokussierung relevanter bei Ausblendung irrelevanter Informationen und die selektive Aktivierung von Wissensinhalten aus dem Langzeitgedächtnis. Diese Funktionen weisen eine enge Verwandtschaft mit den oben beschriebenen Mechanismen der selektiven Aufmerksamkeit auf.

Die Vorstellung, eine überschaubare Anzahl kognitiver Mechanismen zu identifizieren, um damit ein brauchbares und empirisch abgesichertes Modell für die Funktionsweise der zentralen Exekutiven zu erhalten, hat etwas Faszinierendes. Versuche, die unterschiedlichen Funktionen der zentralen Exekutiven empirisch fassbar zu machen, um so im Einzelfall feststellen zu können, was dies im Hinblick auf die individuellen Lernvoraussetzungen bedeutet, stehen allerdings vor einem Problem: Die komplexen Gedächtnisspannenmaße zur Abschätzung der funktionalen Gesamtkapazität des Arbeitsgedächtnisses weisen nämlich nur geringe Zusammenhänge zu den Leistungen bei verschiedenen Aufgaben zur Erfassung der Aufmerksamkeitsfunktionen auf (z. B. Miyake, Friedman, Emerson, Witzki, Howerter & Wager, 2000), wohl aber zu den Leistungen in herkömmlichen Tests der allgemeinen Intelligenz (Oberauer, Süß, Wilhelm & Wittmann, 2003).

Miyake et al. (2000) haben eine viel beachtete faktorenanalytisch abgesicherte Klassifikation exekutiver Funktionen vorgelegt, in der die drei basalen Funktionen Hemmung (Inhibition), flexibler Aufgabenwechsel (Shifting bzw. Set Shifting) und Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses (Updating) unterschieden werden. Der einzige Aufgabentyp in der umfangreichen Testbatterie von Miyake und Kollegen, der keiner dieser drei Funktionstypen zugeordnet werden konnte, waren die sog. Doppelaufgaben (Dual Tasks), bei denen simultan zwei verschiedene Anforderungen zu bearbeiten sind. Strobach (2020) hat daher vorgeschlagen, zusätzlich zu den drei exekutiven Funktionen des Shifting, Updating und Inhibition auch das Dual Tasking als eigenständige exekutive Funktion zu begreifen.

Insgesamt sind wir noch weit davon entfernt, die Funktionsmechanismen der zentralen Exekutiven so zu verstehen, dass sich ein kohärentes funktionales Modell hiervon skizzieren ließe. Unstrittig ist allerdings, dass erfolgreiches Lernen die Folge »guter« und »intelligenter« Informationsverarbeitung ist und dass der Nutzung der exekutiven Funktionen zur Überwachung und Kontrolle der Informationsverarbeitung hierbei entscheidende Bedeutung zukommt. Diesem Gedanken werden wir im Zusammenhang mit den in Kapitel 2.3 vorgestellten metakognitiven Regulationsmechanismen des Lernens erneut begegnen.

Pädagogische Psychologie

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