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Fokus: Das Cocktailparty-Phänomen
ОглавлениеStellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf einer Party. Der Geräuschpegel ist relativ hoch und überall im Raum stehen kleine Grüppchen beisammen, die sich lautstark unterhalten. Auch Sie sind in ein solches Gespräch einbezogen. Plötzlich hören Sie, dass in einer der anderen Gesprächsgruppen Ihr Name fällt und schon wandert Ihre Aufmerksamkeit zu dem Gespräch der anderen Gruppe, das sie vorher gar nicht wahrgenommen haben.
Diese Veränderung der Aufmerksamkeitsfokussierung ist als Cocktailparty-Phänomen bekannt geworden (Cherry, 1953). Wood und Cowan (1995) haben sie in einer experimentellen Untersuchung etwas genauer unter die Lupe genommen. Die Teilnehmer an ihrem Experiment bekamen einen Kopfhörer aufgesetzt, der das sogenannte dichotische Hören ermöglicht: Sie hörten auf jedem Ohr eine andere Stimme. Beide Stimmen lasen einsilbige Wörter vor. Die Aufgabe der Versuchsteilnehmer bestand nun darin, nur auf das rechte Ohr zu achten und so genau wie möglich die über das rechte Ohr gehörten Wörter nachzusprechen (man nennt das »Beschatten«). Irgendwann nannte die Stimme auf dem eigentlich nicht zu beachtenden linken Ohr den Namen des Versuchsteilnehmers. Etwa ein Drittel der Teilnehmer hörte dies – andere Namen als der eigene wurden hingegen nicht wahrgenommen. Die Leistung in der Beschattungsaufgabe war natürlich währenddessen kurzeitig beeinträchtigt.
Die Befunde der Untersuchung von Wood und Cowan (1995) zum Cocktailparty-Phänomen zeigen, dass die Diskrimination von relevanter und irrelevanter Information und die Fokussierung der relevanten Information entscheidend sind für die Leistung bei einer recht einfachen kognitiven Anforderung. Sie zeigen aber auch, dass sich Personen sehr wohl darin unterscheiden, ob und wie leicht sie sich von aufgabenirrelevanten Informationen ablenken lassen. Etwa ein Drittel der untersuchten Personen ließ sich durch das Hören des eigenen Namens von der vorher vereinbarten Aufgabe ablenken. Man kann sich leicht vorstellen, dass auch für das schulische Lernen interindividuelle Unterschiede im Bereich der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitskontrolle von großer Bedeutsamkeit sind. Die bekannten Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten von Schülerinnen und Schülern (Berg, Imhof & Baadte, 2018) und die mit ihnen häufig einhergehenden Verhaltensauffälligkeiten (Döpfner, 2008; Gawrilow, 2012) sind auch auf Probleme bei der Diskrimination und Fokussierung der Aufmerksamkeit zurückzuführen.
Die Prozesse der selektiven Aufmerksamkeit sind jedoch nicht nur eine wichtige Voraussetzung erfolgreichen Lernens. Sie sind gleichzeitig ein Ergebnis vorangegangener Lernerfolge. Wie in Kapitel 2.2 noch ausführlicher dargestellt wird, ist die Effizienz, mit der relevante von irrelevanter Information unterschieden wird, in erheblicher Weise von den einschlägigen Vorkenntnissen des Lernenden abhängig. Wer sich in einem Lernbereich inhaltlich bereits sehr gut auskennt, ist im Vergleich zu Laien oder Nichtexperten nämlich sehr viel besser in der Lage, innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen relevanten und weniger relevanten Informationsmerkmalen zu unterscheiden (National Research Council, 2000).
Überhaupt stellt sich die Frage, ob interindividuelle Unterschiede in der Effizienz selektiver Aufmerksamkeit unabhängig von den »hierarchiehöheren« Voraussetzungen erfolgreichen Lernens auftreten. Unterschiede in der Ablenkungsanfälligkeit des Aufmerksamkeitsfokus durch aufgabenirrelevante Informationen lassen sich nämlich auch über Unterschiede in der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses erklären (Bleckley, Durso, Crutchfield, Engle & Khanna, 2003). Bei einer Wiederholung der oben beschriebenen Untersuchung zum Cocktailparty-Phänomen wurden die Untersuchungsteilnehmer im Nachhinein danach unterteilt, ob sie – ausweislich eines entsprechenden Testverfahrens – über eine überdurchschnittliche oder über eine unterdurchschnittliche Arbeitsgedächtniskapazität verfügten. Es zeigte sich, dass lediglich eine von fünf Personen mit hoher Arbeitsgedächtniskapazität ablenkbar war, aber fast jeder dritte Versuchsteilnehmer mit einer eher niedrigen Gedächtniskapazität hörte seinen eigenen Namen auf dem eigentlich nicht zu beachtenden Ohr (Conway, Cowan & Bunting, 2001; Röer & Cowan, 2021). Dies führt uns zu der Frage, was es mit dem Arbeitsgedächtnis auf sich hat und inwiefern seine Merkmale und Besonderheiten wichtige individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lernens sind.