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Wann begünstigt Vorwissen das Lernen?

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Relevantes Vorwissen kann nur dann die Lernleistung verbessern, wenn es tatsächlich aktiviert wird (was durchaus nicht selbstverständlich ist) und wenn es mit der zur Verarbeitung anstehenden Information kompatibel ist. Dies ließ sich in einer Vielzahl empirischer Untersuchungen finden. So konnte etwa Peeck (1982) die behaltensförderliche Bedeutung des Vorwissens in seiner aktuell aktivierten Form experimentell sehr anschaulich aufzeigen. Zunächst »mobilisierte« er bei seinen Versuchsteilnehmern bestimmte Bereiche ihres Vorwissens, und zwar durch die Aufforderung, alle ihnen einfallenden Exemplare einer vorgegebenen Kategorie rasch aufzuzählen. Jeweils ein Drittel der teilnehmenden Personen sollte Namen amerikanischer Präsidenten benennen, die amerikanischen Bundesstaaten aufzählen oder alle Tierarten, die ihnen einfielen, aus dem Gedächtnis aufsagen. In einer anschließenden Darbietungs- und Lernphase wurden die Namen aller amerikanischen Präsidenten und alle Bundesstaaten zum Einprägen präsentiert. Einen Tag später sollten die Versuchsteilnehmer alle Präsidenten und Bundesstaaten Amerikas aufzählen, an die sie sich erinnern konnten. Dabei zeigte sich, dass stets mehr Exemplare aus der jeweils zu Beginn des Lernexperiments aktivierten Kategorie wiedergegeben werden konnten und zwar unabhängig davon, ob die nun erinnerten Namen während dieser ersten Phase bereits aufgezählt worden waren oder nicht.

In einer anderen Untersuchung ließen Pressley und Brewster (1990) Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klassenstufe Bilder von Sehenswürdigkeiten bestimmter Landstriche als Hintergrundwissen so lange lernen, bis sie diese Gegenden den Bildern leicht zuordnen konnten (also z. B. die Paulskirche und Frankfurt oder der Rhein und die Loreley). Anschließend sollte eine Reihe von Detailinformationen über diese Landstriche gelernt werden. Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die solches Hintergrundwissen über die Sehenswürdigkeiten der Landstriche zuvor nicht erworben hatte, zeigte sich beim Lernen der Detailinformationen keine Überlegenheit der Vorwissensgruppe. Diejenigen allerdings, die aufgefordert wurden, sich die neuen Fakten mithilfe visueller Vorstellungen einzuprägen, profitierten von dem früher erworbenen Hintergrundwissen. Dieses Experiment weist darauf hin, dass Vorwissen genutzt werden kann, um die Behaltensleistung zu erhöhen, dass es jedoch nicht unbedingt in jedem Fall auch spontan genutzt wird.

Weiteren Aufschluss über die Auswirkungen von Vorwissen auf die Lernleistungen gibt eine Studie von Alvermann, Smith und Readence (1985), in der Sechstklässler einen kurz zuvor gelesenen Text nacherzählen sollten. Ob die Schüler vor dem Lesen des Textes bereits einen Aufsatz darüber geschrieben hatten, was sie über das Thema schon wussten, hatte Einfluss auf die spätere Behaltensleistung. Die Aktualisierung des Vorwissens wirkte sich in diesem Fall allerdings nachteilig aus, da die naiven Annahmen und Vorkenntnisse der Kinder über das Thema des Textes (Sonnenlicht und Temperaturen) mit den präsentierten Textinhalten, wie sich herausstellen sollte, in Konflikt standen. Ob es zu einem positiven Effekt des Vorwissens auf die Verstehens- und Behaltensleistung kommt, ist demnach nicht nur von der inhaltlichen Bezogenheit und von der Aktivierung des relevanten Vorwissens abhängig, sondern auch von der Kompatibilität dieses Vorwissens mit den neu zu lernenden Informationen.

Insbesondere wenn man sich in die Rolle des Lehrenden versetzt, der sich bemüht, durch geeignete Hilfestellungen die ihm anvertrauten Lernenden zum Lernerfolg zu führen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass keinesfalls immer ein linearer Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Vorwissens und dem späteren Lernerfolg besteht. So hat z. B. Seufert (2003) im Rahmen eines computerbasierten multimedialen Lernszenarios zeigen können, dass eine Steigerung von Verstehensleistungen durch das Bereitstellen von Lernhilfen (z. B. graphische Veranschaulichungen beschriebener Zusammenhänge) nur bei Personen mit einer mittleren Ausprägung an bereichsspezifischem Vorwissen möglich war. Personen mit geringen oder besonders hohen Vorkenntnissen profitierten dagegen nicht von den bereitgestellten Verstehenshilfen. Die Beziehung zwischen dem Ausmaß des Vorwissens und der Wirksamkeit von Lernhilfen scheint demnach im Sinne einer umgekehrten U-Funktion beschreibbar ( Abb. 2.7). Das aber ist ein pädagogisches Dilemma: Mit zunehmendem Vorwissen wächst zwar die Fähigkeit, angebotene Lernhilfen angemessen nutzen zu können, zugleich nimmt aber die Notwendigkeit ab, solche Hilfen überhaupt in Anspruch zu nehmen. Offensichtlich resultiert aus diesem Sachverhalt für das individuelle Lernverhalten eine Art »multiplikativer Zusammenhang«, der zu dem oben beschriebenen Umstand führt, dass die Lernenden mit einem mittleren Vorkenntnisniveau vergleichsweise am meisten von den instruktional angebotenen Lern- und Verstehenshilfen profitieren.

Pädagogische Psychologie

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