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4. Würde als Rechtschaffenheit (yi)
ОглавлениеDen Zugang zu einer Selbstbeziehung, in der die vier Tugenden realisiert werden, vermitteln bei Mengzi verschiedene moralische Gefühle. Zur Menschlichkeit wird der Mensch über das Mitgefühl, zur Rechtschaffenheit über die Scham und die Abneigung, zur Sittlichkeit über den Respekt sowie die Zurückhaltung fähig, zur Weisheit über die Urteilskraft. (Mengzi.2A.6, 6A.6) Vor allem ist es das Schamgefühl, das einen Selbstbezug herstellt.
Scham hat jedoch zwei Wurzeln: Sie gründet einerseits auf der Sorge, wie man von den anderen wahrgenommen wird, andererseits auf der Internalisierung von Normen und der Entwicklung eines Ich-Ideals, dessen Verletzung Beschämung auslöst. Daher können Beschämungserlebnisse sowohl rein heteronomen Ursprungs sein als auch Ausdruck eines anspruchsvollen moralischen Bewusstseins, das mit den tatsächlichen Erwartungen der sozialen Umwelt nicht zusammenfallen muss. Nun scheint es allein schon deswegen abwegig, den Konfuzianismus als Ausdruck einer Schamkultur im äußerlichen Sinne zu verstehen, weil er sich selbst wesentlich aus der Kritik an einem nur äußerlichen Moralverständnis speist. Wie Guido Rappe auch mit Blick auf den Konfuzianismus überzeugend gezeigt hat, gilt egoistisches Verhalten auch bei äußerlicher Befolgung ritueller Verpflichtungen als schamlos, und eine bloß äußerliche Nutzung von Riten zum Zweck der Machterhaltung und zum Vorspielen eines Werts, den die Herrscher nicht besitzen, wird stark kritisiert. Nur so zu tun als ob, gilt als schamlos, „in jenem Sinn, der eindeutig moralisch fundiert ist und die Scham als moralisches Gefühl ausweist“.33
Auch die „Rechtschaffenheit“ hat eine bloß konventionelle und eine tugendethische Bedeutung. Die enge etymologische Verwandtschaft des Wortes mit dem Wort „Ich“34 zeigt an, dass sich das Wort „Rechtschaffenheit“ ursprünglich auf ein Selbstverständnis bezieht, dessen Verletzung die „Beschmutzung des Selbst“, d.h. die Schande darstellt,35 die automatisch Scham und Abneigung hervorruft. Es bezieht sich also auf die menschliche Existenz, so wie sie von den Mitmenschen wahrgenommen wird.
Rechtschaffenheit im konfuzianischen Sinne jedoch meint etwas anderes. Sie ist nicht auf die Selbstdarstellung im Lichte des Wahrgenommenwerdens durch die Mitmenschen reduzierbar, auch wenn ihre Verletzung ebenfalls Scham und Abneigung hervorruft. Dabei dient das Schamgefühl als „Wächter“, der die „menschliche Würde bewacht“.36 Denn das Schamgefühl bezieht sich nicht auf den Anlass der Schande, sondern stellt das handelnde Selbst und dessen Erniedrigung in den Vordergrund.37 Es bewirkt durch die „Demütigung“38 des Selbst – um einen Ausdruck Kants zu gebrauchen – eine Selbstvergewisserung. Denn während die Demütigung Abneigung auslöst, lenkt die Scham gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Handelnden auf das Selbst im Sinne des moralfähigen Wesens zurück, das Würde hat. (Mengzi.6A.15, 17) Aus der Selbstverachtung entspringt also paradoxerweise Selbstachtung, ein Gefühl, das die Schande und das Unbehagen überwindet. Hier erlangt die Rechtschaffenheit eine neue Bedeutung: Während die Rechtschaffenheit im ursprünglichen Sinne ein Selbstwertgefühl bezeichnet, das abhängig von der sozialen Meinung ist, ist die Rechtschaffenheit im konfuzianischen Sinne Teil des normativen Selbstverständnisses, dem die Kriterien entspringen, nach denen sich das handelnde Selbst selbst wahrnimmt und beurteilt. Auch wenn sich die Rechtschaffenheit vor allem als eine normative Erwartung äußert, die die Person an sich selbst richtet, ist hierin durchaus auch die Erwartung angelegt, von seinen Mitmenschen eine angemessene Behandlung zu erfahren, die der eigenen Würde entspricht. Mengzi führt das Beispiel des Almosens an, der ein Leben retten kann, den ein Bettler aber gleichwohl nicht annehmen würde, wenn er sich dafür demütigen lassen müsste. (Mengzi.6A.10) Freilich ist damit weder ein Verständnis von Menschenrechten im heutigen Sinne verbunden noch das Verständnis, dass die Mitmenschen verpflichtet sind, mich meiner Würde entsprechend zu behandeln. Zur Rechtschaffenheit gehört es vielmehr, dass ich eine meine Würde verletzende Behandlung nicht akzeptieren würde.