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IV Zusammenfassung

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Man kann die Frage, ob der Begriff der Menschenwürde universale Geltung hat, als eine rein normative Frage verstehen, die den moralischen Wert dieses Begriffes betrifft und für deren Beantwortung es irrelevant ist, ob ein Verständnis von der Würde des Menschen auch faktisch gegeben, d.i. irgendwie in den kulturellen Traditionen einer bestimmten Region verankert oder mit diesen zumindest kompatibel ist. In praktischer Hinsicht ist die Frage nach der kulturellen Verankerung jedoch höchst relevant, da ein Gedanke, der mit den Ethiken inkompatibel ist, die die Traditionen einer kulturellen Region ausmachen, den betreffenden Menschen auch schwerlich einleuchten dürfte.

Ausgehend von der Diskussion in sinologischen Fachkreisen, ob der Begriff der Menschenwürde eurozentrisch oder auch in anderen Kulturen aufzufinden ist, gingen wir der Frage nach, ob es einen konfuzianischen Begriff der Menschenwürde gibt und wie er sich zu dem Verständnis der Menschenwürde in der europäischen Tradition verhält. Gegen die Behauptung Möllers, im Konfuzianismus werde die moralische Person nur als Rollenträger mit Blick auf ihre Funktion für die Ordnung des Ganzen verstanden, wurde gezeigt, dass sich bei Mengzi ein Verständnis von Menschenwürde findet, das nicht auf soziale Funktionalität reduzierbar ist. Es wurde argumentiert, dass dieses Verständnis von Menschenwürde starke Parallelen zum stoischen und ciceronischen Würdebegriff aufweist und sich auf ähnliche Weise wie diese vom normativen Gehalt des Menschenwürdebegriffs nach 1945 unterscheidet, nämlich als eine verpflichtende Würde im Unterschied zu einer durch Rechte zu schützenden Würde. Der konfuzianische Würdebegriff schließt den Gedanken der Menschenrechte jedoch keinesfalls aus, sondern bietet durchaus eine Grundlage hierfür, die der Ausarbeitung bedarf. Es wurde argumentiert, dass viele Verwirrungen in der Diskussion um die interkulturelle Anwendbarkeit des Begriffs der Menschenwürde aus einer fehlgeleiteten Homogenisierung der europäischen Würdeauffassungen entstehen, die keinesfalls eine Entwicklungslinie darstellen, die direkt auf die Engführung von Menschenwürde und Menschenrechten hinsteuert, die wir heute mit dem Begriff assoziieren.

1 Die Interpretation Mengzis, auf die sich die folgenden Überlegungen aufbauen, entstammt dem zweiten Kapitel der Dissertation von Qian Ran zum neokonfuzianischen Begriff der Menschenwürde am Philosophischen Institut I in Zusammenarbeit mit dem sinologischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Wir danken auch Heiner Roetz (Sinologisches Institut der Ruhr-Universität Bochum) und Corinna Mieth (Philosophisches Institut I der Ruhr-Universität Bochum) sowie den Teilnehmern/-innen des interdisziplinären Seminars und Workshops zur Menschenwürde im interkulturellen Kontext im SS 2015 an der Ruhr-Universität Bochum für ihre Anregungen zum Thema.

2 Zur gegenwärtigen Diskussion vgl. Alan Gewirth, „Human Dignity as the Basis of Rights“, in: The Constitution of Rights. Human Dignity and American Values, hg. v. Michael J. Meyer/Williams A. Parent, Ithaca and London (Cornell University) 1992, S. 10–28; Jürgen Habermas, „Das Konzept der Menschenrechte und die realistische Utopie der Menschenwürde“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Akademie-Verlag, 58 (2010), S. 343–359; Peimin, Ni: „Seek and You Will Find It; Let Go and You Will Lose It: Exploring a Confucian Approach to Human Dignity“, in: Dao: A Journal of Comparative Philosophy, Springer Netherlands, Vol. 13/2 (2014), S. 173–198; Qianfan Zhang, „The Idea of Human Dignity in Classical Chinese Philosophy: A Reconstruction of Confucianism“, in: Journal of Chinese Philosophy, John Wiley & Sons, 27/3 (2000), S. 299–330.

3 Vgl. Heiner Roetz, „The Dignity within Oneself“: Chinese Tradition and Human Rights“, in: Karl-Heinz Pohl, hg. Chinese Thought in a Global Kontext. A Dialogue between Chinese and Western Philosophical Approaches, Leiden: Brill, 1999, S. 236–262.

4 Vgl. Peimin Ni, „Seek and You Will Find It; Let Go and You Will Lose It“, S. 190; Vgl. Qianfan Zhang, „The Idea of Human dignity in Classical Chinese Philosophy“, S. 316.

5 Hans-Georg Möller, „Menschenrechte, Missionare, Menzius. Überlegungen angesichts der Frage nach der Kompatibilität von Konfuzianismus und Menschenrechten“, in: Menschenrechte in Ostasien. Zum Streit um die Universalität einer Idee II, Mohr Siebeck, 1999, 109–122; hier S. 110.

6 Hans-Georg Möller, „Die Präsenz des Menschen in der antiken chinesischen Philosophie“, in: Menschenrechte und Gemeinsinn – westlicher und östlicher Weg? Hrsg. v. Walter Schweidler, Sankt Augustin 1998, 163–176; hier S. 163.

7 Möller, „Menschenrechte, Missionare, Menzius“, S. 118.

8 Ibid.

9 Der Ordnungsstruktur entsprechend beruhe die Einheit der Menschheit auf der Unterscheidung zwischen dem einen Herrscher im Zentrum und den vielen mit ihren sozialen Rollen in der Peripherie. Was für den einen gilt, könne nicht für die vielen gelten – aber die Ordnungsstruktur umfasse beide komplementären Pole. Hans-Georg Möller, „Die Präsenz des Menschen in der antiken chinesischen Philosophie“, S. 171.

10 Möller, „Menschenrechte, Missionare, Menzius“, S. 118.

11 Möller, „Die Präsenz des Menschen in der antiken chinesischen Philosophie“, S. 175. Diese Argumentation ist insofern kurios, als sie ausschließen würde, dass jemand gleichzeitig Vater und Sohn, Mutter, Schwester und Tochter sein könnte, was aber doch eher der Normalfall ist. Der Gedanke einer ganz in der Rolle aufgehenden Person ist eine soziologische Fiktion, kein Merkmal traditioneller Gesellschaften.

12 Zur Begründungsstruktur vgl. Oliver Sensen, „Der Würdebegriff als philosophisches Fundament der Menschenrechte“, S. 27.

13 Avishai Margalit, „Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung“, Frankfurt: Suhrkamp 1999.

14 Ronald Dworkin, Taking Rights Seriously, Harvard, Massachusetts 1977, S. 170ff.

15 Dworkin, Taking Rights Seriously, S. 171.

16 Heiner Roetz, Philippe Brunozzi, Gregor Paul: „Chinesische Menschenwürde: Ein Gespräch über den Menschenrechtdiskurs in China und seine philosophischen Grundlagen“, in: Philosophie der Menschenwürde, hrsg. v. Tessa Debus, Regina Kreide, Michael Krennerich, Karsten Malowitz, Arnd Pollmann und Susanne Zwinge, Wochenschau Verlag, 2010, 182–188, hier S. 184.

17 Vgl. hierzu Qianfan Zhang, op. Cit., S. 319.

18 Vgl. Dworkin, Taking Rights Seriously, S. 172.

19 Vgl. hierzu den Beitrag von Gregor Paul in diesem Band.

20 Vgl. Margalit, S. 23.

21 Üb. v. Qian Ran. Es handelt sich bei allen folgenden Zitaten um eine Übersetzung von Qian Ran, wenn es nicht anders angemerkt wird.

22 Mengzi.6A.16, Übersetzung nach Roetz, „Die Kritik der Herrschaft im zhouzeitlichen Konfuzianismus und ihre aktuelle Bedeutung“, in: Das Buch Mengzi im Kontext der Menschrechtsfrage, hrsg. v. Wolfgang Ommerborn, Gregor Paul & Heiner Roetz, Berlin 2011, 87–108.

23 Mengzi.6A.17, ebd.

24 Mengzi.6A.14.

25 Das Wort „Würde“ ist ursprünglich auch mit „Wert“ verwandt und bezeichnet zunächst v.a. „sozialen Rang und Stand und die aus ihnen resultierende Geltung und Ehre“, vgl. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Stichwort: Würde; während das Zeichen gui gleichzeitig als Substantiv, Verb und Adjektiv gebraucht wird, und als Substantiv, wie das deutsche Wort Würde, „sozialen Rang und Stand“ bezeichnet, als Verb schätzen, achten, und als Adjektiv teuer, vom höhen Preis, wertvoll. Vgl. Kangxi-Wörterbuch, gui.

26 Diese Idee ist in der Han-Zeit (206 v. Chr.–220 n.Chr.) fast zum Common Sense geworden. In hanzeitlichen Schriften wird die Formel „Der Mensch ist das wertvollste unter allen Lebewesen zwischen Himmel und Erde“ fast zu einem selbstevidenten Axiom, das in verschiedenen Texten angeführt wird, so z.B. im Chunqiu fanlu, Baihu tongyi, Lunheng usw. Bemerkenswert sind hier v.a. Chunqiu fanlu (2. Jh. v. Chr.) und Lunheng (1. Jh. n.Chr.). Im Ersteren wird die Würde des Menschen mit seinen Moralfähigkeiten, seiner Bedeutung als Bildnis von Himmel und Erde, seiner Rolle als Zweck aller Dinge sowie seinem aufrechten Gang (vgl. Chunqiu fanlu. 14, 44, 56, 81) – wie in der jüdisch-christlichen Würdevorstellung, vgl. z.B. Thomas von Aquin, Summe gegen die Heiden, III 113 – begründet; im Letzteren wird die Formel der menschlichen Würde wahrscheinlich am meisten herangezogen.

27 Vgl. Tiedemann (2006), 86. Vgl. Möller, Hans-Georg: „Die Präsenz des Menschen in der antiken chinesischen Philosophie“, vgl. Anmerkung 8.

28 LY.2.12.

29 Vgl. die Kritik Konfuzius’ an Guanzhong: „Guanzhong als ein Gerät ist aber klein!“ (LY.3.22) Das Groß und Klein lassen sich im aristotelischen Sinne der großen und kleinen Dingen verstehen. Vgl. NE, IV, 1123 b.

30 LY.14.24.

31 Zwar kommt diese Vorstellung später in der Han-Zeit auch vor, wie etwa beim hanzeitlichen Konfuzianer Dong Zhongshu (179 v. Chr.–104 v. Chr.). Dort heißt es: „Himmel und Erde gebären zehn Tausend Dinge um Menschen zu ernähren“ (Chunqiu fanlu.14). Dies lässt sich aber noch nicht aus der ursprünglichen Formel und ihrer Weiterentwicklung durch Mengzi ableiten.

32 Übersetzung von Heiner Roetz: „Die chinesische Ethik der Achsenzeit: Eine Rekonstruktion unter dem Aspekt des Durchbruchs zu postkonventionellem Denken“, Frankfurt 1992, 249.

33 Guido Rappe, „Die Scham im Kulturvergleich. Antike Konzepte des moralischen Schamgefühls in Griechenland und China“, Bochum/Freiburg 2009, S. 236.

34 Vgl. Hierzu Shun, Kwong-loi, „Mencius and Early Chinese Thought“, Stanford 1997, 25.

35 Die Bedeutung von Schande als „Beschmutzung des Selbst“ kann man aus dem oft auftauchenden Ausdruck „Abwaschen der Schande“ in der frühen Literatur ablesen. Vgl. Shun (1997), 62; Roetz (1992), 289.

36 Jakoby, Mario, „Scham-Angst und Selbstwertgefühl. Ihre Bedeutung in der Psychotherapie“, Solothurn, Düsseldorf 1993, 53.

37 Vgl. Shun (1997), 59.

38 KpV: AA V, 75.

39 Vermutlich sieht auch Konfuzius ihre Wurzel in bestimmten Affekten, z.B. in der Liebe zwischen Eltern und Kindern.

40 Roetz (2006), 72.

41 Ü. v. Roetz (1992), 222.

42 Ebd., 217.

43 Ü. v. Roetz mit kleiner Modifikation. Vgl. Roetz (1992), 287.

44 Zu dieser Abschottung gegenüber normativen Erwägungen vgl. Lloyd Weinreb, „Oedipus at Fenway Park. What Rights Are and Why There Are Any“, Harvard 1994, S. 3.

45 Zum Folgenden vgl. Maria-Sibylla Lotter, „Scham, Schuld, Verantwortung“, S. 258f. Vgl. auch die interessanten Überlegungen zur Genealogie der Menschenrechte bei Hans Joas, „Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte“, Berlin (Suhrkamp) 2011.

46 Ban Gu, „Hanshu“, Band 12, Wang Mang B, Beijing 1964, 4110–4111.

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