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5. Würde als Menschlichkeit (ren)

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Unter den vier Tugenden stellt die Menschlichkeit das grundlegende Handlungsprinzip dar, dessen emotionale Wurzel bei Mengzi im Mitgefühl liegt. So kann ein Mensch nach einem berühmten Beispiel Mengzis allein aufgrund des natürlichen Mitgefühls nicht ohne Regung mit ansehen, dass ein Kind in einen Brunnen fällt (Mengzi.2A.6). Konfuzius beschreibt Menschlichkeit auch als Menschenliebe (LY.12.22), was nicht mit einem Affekt zu verwechseln ist. Hier gibt es kleine Abweichungen zwischen Konfuzius und Mengzi; Mengzi berücksichtigt auch das Affektive. Menschlichkeit wird als Fürsorge in Verbindung mit einem durchaus auch affektiven Wohlwollen praktiziert, das in einer Einsicht wurzelt, nämlich dem Verständnis des anderen als meinesgleichen.39

Dass Menschen einander als gleich sehen, ist für Konfuzianer eine Intuition, die unter Angehörigen der gleichen Spezies selbstevident sein sollte, nicht aber ein Ergebnis eines verwickelten Erkenntnisprozesses. Dass Menschen einander als Gleiche achten, ist vielmehr die ethische Konsequenz des Verständnisses, dass alle Menschen moralisch perfektionierbare Wesen sind, die ähnliche Bedürfnisse wie wir selbst haben. Gemeint sind nicht irgendwelche individuellen Bedürfnisse, sondern die existenziellen Bedürfnisse, die alle Menschen haben.

Tugendethisch kann man Menschlichkeit auch als die Gesinnung verstehen, alle Menschen nach der goldenen Regel als meinesgleichen zu behandeln. Das bedeutet auch im konfuzianischen Kontext nicht, andere Menschen wortwörtlich so zu behandeln wie ich mich selbst. Der Gedanke der Menschlichkeit steht vielmehr – ebenso wie die Rechtschaffenheit – für ein eher formales Prinzip, das aufgrund der unausgesprochen vorausgesetzten Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten oder der Nähe jin) der Menschen zueinander zwar allgemein gültig ist. Was für ein Verhalten jeweils gefordert ist, kann jedoch erst mit Blick auf die jeweilige Situation genauer bestimmt werden. Dementsprechend gelten zwei Maximen der Menschlichkeit: positiv das Wohlwollen – d.h., Menschen zu fördern – und negativ die Gegenseitigkeit – d.h., Menschen mithilfe eines „fiktiven Rollenaustausch[es]“40 angemessen zu behandeln, was bedeutet, alles zu vermeiden, was ich mir nicht für mich selbst wünschen könnte. Für einen Menschen, der Menschlichkeit pflegt, gilt also: Wenn er Vollendung begehrt, verhilft er auch anderen dazu. (LY.6.30)41

[Menschlichkeit zeigt sich auch so:] Außerhalb des Hauses benehme man sich so, als empfinge man einen hohen Gast. Bringt man das Volk zum Einsatz, dann wie bei einer großen Opferfeier. Was man selbst nicht wünscht, das tue man anderen nicht an. (LY.12.2)42

Dem praktischen Verständnis von Menschen als meinesgleichen entspringen bestimmte sittliche Umgangsformen. Menschlichkeit im Sinne der Achtung der Mitmenschen wird als respektvolle Haltung (gong) und achtende Gesinnung jing) sowie als Zurückhaltung und Bescheidenheit (cirang) praktiziert, was die Einschränkung subjektiver Interessen erfordert.

Auch wenn sich die konkrete Gestalt der Sittlichkeit bei den Konfuzianern vorwiegend am herkömmlichen Handlungskodex orientiert, ist diese Orientierung nicht als passive Unterordnung unter konventionelle Normen oder soziale Rollen zu verstehen, sondern involviert eine rationale Anerkennung bestimmter Handlungsmaximen (LY.3.3, 9.3, 11.1). Auch dass etwa die Art und Weise, wie Achtung bezeugt wird, sich in konkreten Situationen in unterschiedlichen Formen ausdrückt, ist nicht mit einer Einschränkung der Achtung auf bestimmte Menschengruppen zu verwechseln. Achtung gebührt nicht nur dem Aristokraten, und auch nicht nur dem Edlen, sondern dem Menschen im biologischen Sinne. So lässt Mengzi Konfuzius Kritik an der damaligen Grabkultur mit der Beigabe von Menschenfiguren üben, da dies eine symbolische Verletzung der Menschenwürde darstellt. An einer anderen Stelle spricht Mengzi ausdrücklich von der menschlichen Gattung (lei), zu der ich, du und die Weisen gehören (Mengzi.6A.7).

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