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Manieristische Stilzüge bei Hoffmannswaldau

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Die Bereicherung lyrischer Ausdrucksmöglichkeiten durch Zesen und die Nürnberger war die Voraussetzung für die Übernahme und Imitation manieristischer Stilzüge aus italienischen Gedichten (insbesondere Giambattista Marinos und Giovanni Loredanos), die erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Deutschland bekannt wurden. Diese ‚marinistische‘ Dichtung war durch ihren Metaphernreichtum und durch ihre Wortspiele, die Concetti, gekennzeichnet, mit denen der Dichter seine rhetorische Könnerschaft beweisen konnte. Unter den Nachahmern dieses Stils ragt der mit Loredano persönliche Beziehungen unterhaltende Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau heraus. Dieser weltmännisch gebildete, diplomatisch tätige und 1657 zum Kaiserlichen Rat ernannte Breslauer Patrizier sorgte in der ‚guten Gesellschaft‘ seiner Umgebung für viel Aufsehen – weniger allerdings wegen seiner gerühmten Poetischen Grab-Schrifften (zuerst 1662 in einem unberechtigten Druck erschienen) und wegen seiner geistlichen Oden als vielmehr wegen seiner erotischen Gedichte. Weder seine in den sechziger Jahren entstandenen, aber erst 1679 von ihm in seine Sammlung Deutsche Übersetzungen und Getichte übernommenen Helden-Briefe, die in der Tradition von Ovids Heroides zeigen, was die Liebe und was Leidenschaften Ungeheuerliches in der Welt anrichten können, noch weniger aber seine erotischen Lieder, die z.T. erst 1695ff. von Benjamin Neukirch in der berühmt gewordenen Anthologie Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen Auserlesene und bißher ungedruckte Gedichte herausgegeben und überarbeitet wurden, waren zunächst für eine Veröffentlichung bestimmt. Sie kursierten in dem geschlossenen Kreis des Breslauer Patriziats und der dem Hofe zugewandten literarisch Gebildeten und wären einer breiteren, weniger belesenen Öffentlichkeit auch gar nicht oder nur schwer verständlich gewesen. Denn die frivolen Anzüglichkeiten und Anspielungen, die sie enthalten und die mit Sicherheit einen besonderen Reiz für die Leser bildeten, sind durch die gewählte Bildersprache meist so verschlüsselt, dass nur literarische Kenntnisse einen Zugang zu ihrem Verständnis eröffneten. Dabei ließ Hoffmannswaldau, wie das folgende Gedicht129 erweist, das Gemeinte auch durchaus in der Schwebe:

So soll der purpur deiner lippen

Itzt meiner freyheit bahre seyn?

Soll an den corallinen klippen

Mein mast nur darum lauffen ein/

Daß er an statt dem süssen lande/

Auff deinem schönen munde strande?

Ja/leider! es ist gar kein wunder/

Wenn deiner augen sternend licht/

Das von dem himmel seinen zunder/

Und sonnen von der sonnen bricht/

Sich will bey meinem morrschen nachen

Zu einen schönen irrlicht machen.

Jedoch der Schiffbruch wird versüsset/

Weil deines leibes marmel-meer

Der müde mast entzückend grüsset/

Und fährt auff diesem hin und her/

Biß endlich in dem zurcker-schlunde

Die geister selbsten gehn zu grunde.

Nun wohl! diß urthel mag geschehen/

Daß Venus meiner freyheit schatz

In diesen Strudel möge drehen/

Wenn nur auff einem kleinen platz/

In deinem schooß durch vieles schwimmen/

Ich kan mit meinem ruder klimmen.

Da will/so bald ich angeländet/

Ich dir ein altar bauen auff/

Mein hertze soll dir seyn verpfändet/

Und fettes opffer führen drauff;

Ich selbst will einig mich befleissen/

Dich gött- und priesterin zu heissen.

Dieses Gedicht ermöglicht auf Grund der metaphorischen Redeweise verschiedene Lesarten. Man kann vor allem die pornographischen Anspielungen in ihm entdecken oder es – wie es das religiös besetzte Metaphernfeld der Seefahrt nahe legt – als Klage verstehen, dass das Lebensschiff, an die Klippen der Lust geworfen (Str. 1), oder: dass der Mensch, der dem sexuellen Genuss verfällt, alles Heil, das ‚süsse land‘, das Paradies, verliert. Gerade die Mehrdeutigkeit dieser Zeilen verrät die Könnerschaft ihres Dichters. Auch sie stehen in der Tradition Petrarcas (allein die ‚erotische Topographie‘, die bei der Darstellung der Geliebten von den Lippen und Augen über den Körper bis zum Schoß reicht, weist darauf hin); aber diese Tradition erscheint bereits verfügbar: In einer ungewöhnlichen Variante ergibt sich die Qual des Mannes hier gerade nicht aus der Verweigerung der Frau, sondern allenfalls aus ihrer Hingabe (jedenfalls, wenn das Gedicht als ethisch-theologische Mahnung gelesen wird, wohin die „Tyrannei der Lust“ zu führen vermag).130 Liest man es anders, mag man das ästhetische Raffinement bewundern, mit dem Hoffmannswaldau das gesellschaftliche ‚Verbot‘ umgeht, den nackten Körper der Frau als sexuelles Stimulans und den Liebesakt zu beschreiben.

Man hat diesem Dichter schon früh den ‚Schwulst‘ seines Stils vorgeworfen, wahrscheinlich weil die Kunst seiner Anspielungen nicht durchschaut wurde. Allenfalls lässt sich wohl von ‚geschmücktem Stil‘ sprechen,131 der allerdings besser noch auf den mit Hoffmannswaldau befreundeten (als Dramatiker ausführlich auf S. 68ff. besprochenen) Lohenstein zutrifft, der seine Gedichte, auch seine petrarkistischen, mit mythologischem, historischem, naturgeschichtlichem und anderem Wissen geradezu überhäufte, ohne doch mit der distanzierenden Ironie Hoffmannswaldaus zu schreiben.

Die intellektualistische, eine Vielzahl rhetorischer Mittel manieristisch (d.h. nach dem Vorbild Marinos) einsetzende Art von Poesie, wie sie bei Hoffmannswaldau und Lohenstein am ausgeprägtesten erscheint und noch heute unsere Vorstellung des ‚Hochbarock‘ prägt, stieß schon bald auf Widerspruch – nicht nur im Kreis der sog. ‚Altdeutschen‘ wie Johann Michael Moscherosch oder Johann Lauremberg, die den ausländischen Einfluss beklagten, sondern auch bei Autoren, die sich als ‚Galante‘ (zum Begriff vgl. S. 81) bezeichneten. Sie forderten das ‚genus mediocre‘, den Mittelweg, eine elegante, geschmeidige Stillage und verzichteten auf Beispielhäufungen, Hyperbolik und Pathetik. Erdmann Neumeister, beeinflusst von Boileaus Art poétique (1674) schrieb die dazu passende Poetik (Die allerneueste Art zur Reinen und Galanten Poesie zu gelangen, 1707 zuerst, bis 1742 in elf Auflagen erschienen); Christian Weise, Christian Friedrich Hunold, Friedrich Rudolf von Canitz (selbst ein Übersetzer Boileaus), Benjamin Neukirch, Johann von Besser waren ihre bekanntesten Vertreter. Auch Besser beispielsweise schrieb wie Lohenstein über die Macht der Liebe. Aber während dieser in seinem fast 2000 Alexandriner umfassenden Gedicht Venus gelehrt den ganzen Venus-Mythos und Venus-Kult ausbreitete, wird dieser Mythos bei Besser in seinem erotischen Gedicht Die Ruhestatt der Liebe/oder Die schooß der Geliebten im Rahmen einer pikanten Schäfergeschichte nur noch zitiert. (Zur Schäferdichtung vgl. den folgenden Abschnitt).

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