Читать книгу Virus - Alfred Broi - Страница 13
IX
ОглавлениеTizian lag auf der rechten Seite, als er leise zu stöhnen begann und sich dann auf den Rücken drehte.
Fast schien es so, als könne er in dieser neuen Position weiterschlafen, doch dem war nicht so.
Nach einigen tiefen Atemzügen öffnete er seine Augen und schaute zunächst unbewegt zur Höhlendecke.
Es war nicht vollkommen dunkel, daher konnte er einige Umrisse erkennen. Aber es war ganz still um ihn herum - zumindest bis zu dem Moment, da einer seiner Freunde einmal laut schnarchte.
Tizian schloss die Augen wieder, doch war der Druck auf seiner Blase, der ihn wohl geweckt hatte, einfach zu groß, als dass er ihn bis zum Morgengrauen noch ignorieren konnte. Also erhob er sich.
Dabei erkannte er, dass der wüste Schnarcher Giovanni gewesen sein musste, da Kuja nicht anwesend war.
Tizian zog die Augenbrauen herab und trat an den Ausgang der Höhle. Es regnete noch immer in Strömen, doch lieferte der Mond ausreichend Licht, dass er erkennen konnte, dass draußen alles ruhig war.
Wo aber war Kuja? Tizian machte sich sofort Sorgen. Er drehte sich zurück in die Höhle und wollte auch schon Giovanni wecken, als er ein Geräusch hörte. Es kam von dem schmalen Durchgang im hinteren Bereich. Als Tizian dorthin sah, konnte er ein fahles Leuchten erkennen. Er ging darauf zu und schob sich schließlich durch den engen Tunnel.
Nach wenigen Metern öffnete sich der Stollen in eine größere Kammer. Tizian konnte auch hier Umrisse erkennen, ebenso wie eine feuchte Stelle an der rechten Felswand, die auffällig nach Urin roch.
Hatte Kuja sich hier erleichtert? Und wenn ja, warum war er dann nicht wieder in die Höhle zurückgekehrt? Tizians Sorge stieg wieder.
Sein Blick glitt in den hinteren Bereich der Kammer, wo er eine Rampe erkennen konnte, die abwärts tiefer in den Berg führte. Dort unten sah er auch das fahle, flackernde Leuchten, dass sogleich seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Tizian machte ein paar Schritte in diese Richtung, als er plötzlich gegen etwas am Boden stieß. Als er hinuntersah, konnte er ein kleines Messer in seiner Lederhülle erkennen, das über den Boden hüpfte. Es war eindeutig Kujas Obstmesser, das er normalerweise am Gürtel trug.
Also war er hier gewesen! Und ist dem Gang gefolgt!? Tizian war sicher, dass auch seinen Freund dieses flackernde Leuchten neugierig gemacht hatte.
Kurzerhand beschloss er, dem nachzugehen.
Unbewusst folgte der Blonde dem Weg seines Freundes und gelangte schließlich in die Kammer mit dem unterirdischen See. Wie auch Kuja war Tizian fasziniert von dem Lichtspiel der fluoreszierenden Algen am Grund, doch im Gegensatz zu dem Fürstensohn, erblickte er das funkelnde Strahlen in der Kammer oberhalb des Sees wesentlich schneller.
Ohne zu zögern kletterte Tizian über die Felsenleiter dort hinauf und gelangte schließlich in die Höhle mit dem Kuppeldach. Ebenso fasziniert von den glitzernden und funkelnden Gesteinsbrocken am Boden trat er ein und stand nur wenig später, wie auch Kuja zuvor, vor dem Lichtspiegel.
Mit leuchtenden Augen verfolgte er die kleinen Wellenbewegungen auf der, wie zähflüssiges Silber wirkenden Substanz in dem Felsenring.
Plötzlich hörte er ein Wispern, das schnell lauter wurde und zu einer Stimme anwuchs. Eine Stimme, von der er nicht wusste, woher sie kam und die in einer Sprache redete, die er nicht verstand, wenngleich er sicher war, dass es Worte waren, die er hörte.
Anfangs klangen sie beiläufig, doch wurden sie sehr schnell bestimmter und schneller gesprochen. Dabei wurde die Stimmfarbe immer dunkler, rauer und härter. Für Tizian klang sie zornig und befehlend.
Je lauter sie wurde, desto mehr Bewegung konnte der Blonde auf dem Lichtspiegel erkennen, dessen Oberfläche sich jetzt schon deutlich kräuselte.
Im nächsten Moment brüllte die Stimme laut auf, dass ihre Worte hart in der Höhle widerhallten und zeitgleich zog sich der Lichtspiegel trichterförmig ein paar Meter in die von Tizian entgegengesetzte Richtung zurück.
Für einen Augenblick verharrte er so, dann schoss er wieder zurück und einige Meter weiter in Tizians Richtung. Dabei erklang ein wilder, schmerzhafter und verzweifelter Schrei. Doch es war eine andere Stimme, die der Blonde jetzt hörte. Eine Stimme, die er nur zu gut kannte.
Kuja! schoss es ihm in den Kopf und tatsächlich brach der Körper des Fürstensohns aus dem Lichtspiegel heraus und klatschte dumpf und mit dem Gesicht voraus auf den Sandboden.
Während sich der Trichter zurückzog und sich die Oberfläche des Lichtspiegels in dem Felsenring schnell wieder beruhigte, als wäre nichts geschehen und ebenfalls auch die fremde Stimme verstummte, blieb Kuja stöhnend und noch größtenteils mit der silbrigen Substanz bedeckt auf dem Boden zurück.
Tizian stand stocksteif da und starrte mit weit geöffneten Augen auf seinen Freund hinab. Sein Puls hämmerte unter seine Schädeldecke, Schweiß trat auf seine Stirn, sein Herz raste, er wagte kaum zu atmen.
Dabei war er nur zu einem Teil entsetzt darüber, seinen Freund stöhnend und mit dieser zähflüssigen Masse überzogen vor seinen Füßen zu sehen. Der andere Teil versuchte überhaupt erst einmal zu verstehen, was er da soeben gesehen hatte.
War das wirklich die Realität gewesen oder nur eine Halluzination? War Kuja da eben tatsächlich wie aus dem Nichts aus diesem faszinierenden, aber auch geheimnisvollen Lichtspiegel gestürzt? Und wenn ja, wie war er überhaupt dort hineingeraten? Und wo war er dann gewesen? Hinter dem Lichtspiegel? Und wenn ja, was war dort?
Tizian hämmerte der Kopf von diesen Fragen und er konnte anfangs keinen klaren Gedanken fassen. Erst als Kujas Stöhnen immer mehr zu ihm durchdrang, riss er sich zusammen und kam zurück in die Realität. "Kuja!" rief er sofort aus und kniete sich vor seinen Freund. "Um Himmels willen!" Tizians Hände wollten ihm wie selbstverständlich behilflich sein und ihn auf den Rücken drehen, doch als der Blonde den Fürstensohn berührte, ging ein brutaler Ruck durch dessen Körper.
Kuja schrie wild und erschrocken auf, er zuckte förmlich auf Hände und Knien und krabbelte hektisch zwei Meter zur Seite, bis ihm ein Felsbrocken den Weg versperrte. Seine linke Schulter krachte hart dagegen, doch dann sank Kuja an ihm zurück zu Boden, wo er wild nach Luft schnappte und Tizian mit einem fast schon irren Blick anstarrte.
Der Blonde war sichtlich entsetzt über die Reaktion des Fürstensohns und über seinen Anblick. Kujas Gesicht war aufgedunsen und total verschwitzt. Echte Verzweiflung war in ihm zu sehen. Seine blutunterlaufenen, wässrigen Augen zuckten beständig nervös umher. Immer wieder schüttelte er den Kopf, während er rasselnd und schwer atmete. Der Fürstensohn wirkte um Jahre gealtert und vollkommen desorientiert.
"Kuja!" Instinktiv näherte er sich ihm. "Was ist denn...?" Tizian verstummte, weil sein Freund seinen Körper gegen den Felsbrocken stemmte, um sich weiter zurückzuziehen, was ihm aber natürlich nicht gelang. "...los?" Beharrlich kam Tizian näher, streckte wieder seine Hand aus und legte sie sanft auf Kujas rechte Schulter.
Als er seinen Freud berührte, stieß dieser erneut einen erschrockenen, erstickten Schrei aus, doch dieses Mal klärte sich sein Blick sichtlich und er wurde ruhiger.
"Beruhige dich!" Tizians Stimme war besonnen und sanft. "Es ist alles in Ordnung. Du bist hier, ich bin hier! Alles ist gut!" Er lächelte Kuja aufmunternd zu.
"Nein!" stieß Kuja hervor, doch war es kaum mehr als ein raues Flüstern. Dabei schüttelte er immer wieder den Kopf. "Nichts ist gut!"
"Was...?" Tizian sah ihn mitfühlend an. "Was ist passiert? Wo warst du?"
Kujas Körper erstarrte und in seinen Augen konnte Tizian sehen, dass er sich erinnerte. "Der Spiegel!" rief er und während seine Augen dorthin wanderten, füllten sie sich mit Tränen. "Oh Gott!"
"Was ist damit?" fragte Tizian. Im selben Moment bemerkte er wieder die zähflüssige Masse auf Kujas Körper, die teilweise zu Boden troff, teilweise aber auch an seinen Kleidern und auf seiner Haut anzutrocknen und festzukleben begann. Die Masse sah tatsächlich immer mehr wie Silber aus. Und zwar so rein, wie Tizian es noch nie zuvor gesehen hatte. Konnte das sein? War diese Masse wirklich reines, flüssiges Silber? Wie immer das auch möglich sein sollte. "Und was ist das?" Er deutete darauf. "Ist das…Silber?"
Während Kuja ihn vollkommen überrascht anstarrte und ganz sicher nicht wusste, was der Blonde von ihm wollte, fuhr Tizian mit seinen Fingern über die Masse. Im nächsten Moment konnte er deutlich feste, funkelnde Objekte erkennen, die in dem Silber eingebettet waren. Einige waren kaum größer, als kleine Kieselsteine, andere hatte die Größe eines... Edelsteins! schoss es ihm in den Kopf. Ja, genau! Und sie funkelten auch genauso, wie es ein Edelstein tun würde! "Sind das…Edelsteine?" fragte er und spürte gleichzeitig, wie sich sein Pulsschlag erneut erhöhte. Hatte Kuja, wie immer das auch möglich gewesen sein sollte, hier auf wundersame Weise einen Schatz entdeckt? Einen verborgenen Schatz voller Reichtümer?
"Was?" Endlich hatte sich Kuja soweit wieder zusammengerissen, dass er begriff, was sein Freund meinte. Mit großen Augen sah er fast schon perplex an sich herab und konnte endlich erkennen, was seinen Freund so faszinierte. "Nein!" Er schüttelte sofort vehement den Kopf. Gleichzeitig drückte er Tizians Hand von sich.
Der Blonde sah ihn überrascht an und seine Augenbrauen sanken herab. "Doch, das sind Edelsteine! Nicht wahr?" Seine Augen begannen zu leuchten. "Und das ist auch Silber. Gib es zu!" Ja, er war sich sicher. Er war zwar kein Fachmann für Edelsteine und Edelmetalle, doch war das, was Kuja da an seiner Kleidung und an seinem Körper trug, sicher mehr wert, als alles, was ein Mensch je in seinem Leben erarbeiten konnte. "Und...!" plötzlich hielt Tizian inne, sein Kopf wandte sich zu dem Lichtspiegel und er starrte ihn mit großen Augen an. Gab es da, wo Kuja herkam, womöglich noch mehr davon? Mehr, als nur für einen Mann? Genug für sie alle?
Wie in Trance erhob sich Tizian und ging langsam auf den Lichtspiegel zu.
Der Blonde hatte kaum zwei Schritte getan, da hörte er Kuja schräg hinter sich wild aufschreien. Er blickte zurück zu ihm und im selben Moment wurde er von dem Fürstensohn rüde umgerannt.
Tizian war viel zu überrascht, dass sein Freund noch so viel Kraft besaß, dass er vollkommen überrumpelt wurde.
Kuja sprang ihn einfach an und riss ihn um, sodass der Blonde hart und schutzlos auf die linke Seite krachte. Er musste aufschreien und versuchte, sich von Kuja zu befreien. Beide Männer überschlugen sich zweimal, dann verlor der Fürstensohn ihn aus seiner Umklammerung.
Tizian spritzte hektisch zurück auf seine Füße. Seine linke Schulter pochte höllisch, in seinem Gesicht war eine Schürfwunde zu sehen. Der Blonde brüllte wütend auf, starrte Kuja mit funkelnden Augen an. "Was soll das?" schrie er.
Kuja war es gelungen, sich zwischen seinen Freund und den Lichtspiegel zu bringen. Schweratmend und auf wackeligen Beinen nahm er Kampfhaltung ein.
"Was tust du?" brüllte Tizian erneut.
"Es tut mir leid!" stieß Kuja hervor. "Aber du darfst das nicht tun!"
Tizian musterte seinen Freund einen Augenblick. Dann war er sicher. "Du willst den Schatz für dich allein!" Sein Blick wurde verächtlich.
"Was?" Kuja war sofort entsetzt. "Nein. Du irrst dich. Da ist kein Schatz!"
"Du lügst!" zischte Tizian. "Du hast reines Silber an dir. Und Edelsteine! Wo zum Teufel hast du die her, wenn nicht von dort?" Er deutete auf den Lichtspiegel. "Also lass mich durch. Ich will meinen Anteil daran haben!" Der Blick des Blonden war hart und sehr entschlossen. Und schon im nächsten Moment spitzte er vor.
Kuja stemmte sich ihm entgegen und es gelang ihm unter Aufbietung all seiner Kräfte, ihn zurück zu schubsen.
Tizian stolperte und fiel zu Boden. Doch hatte Kuja gehofft, dass ihn das zur Räson bringen würde, so hatte er sich getäuscht. Mit wütender Miene sprang er wieder auf und rannte laut brüllend auf Kuja zu.
Dem Fürstensohn war klar, dass er schlicht zu schwach war, um seinen Freund dauerhaft von seinem Vorhaben abzubringen. Tiefe Verzweiflung erfasste ihn.
Dann krachten ihre Körper ineinander und im selben Moment brach Tizians Schrei erstickt ab. Für einen Augenblick war Kuja sicher, dass der Blonde ihn einfach beiseiteschieben würde, doch urplötzlich ließ der Druck gegen ihn nach. Der Fürstensohn konnte spüren, wie Tizians Angriffswucht verpuffte. Stattdessen hörte er seinen Freund aufstöhnen und sein Körper erzitterte. Gleichzeitig sackte er zu Boden. Kuja war total überrascht von dieser Wendung. Anstatt dass Tizian ihn umrannte, starrte er ihn vollkommen entsetzt an und fiel vor ihm auf die Knie. Kuja versuchte ihn noch zu halten, doch er war zu schwach. Der Blonde glitt ihm aus der Hand und schlug vollends mit dem Rücken auf den Felsen.
Und dann sah er es: In Tizians Bauch steckte ein Dolch! Kujas Dolch! Blut quoll aus der Wunde. Unendlich viel Blut! Kuja starrte fassungslos auf Tizian. Wie...? Er hob seine Hände an und musste erkennen, dass die Rechte voller Blut war. Vollkommen entsetzt zuckte sein Körper zusammen und er stieß einen erstickten Schrei aus. Um Gottes Willen, was hatte er getan? Warum hatte er das getan? Tränen schossen ihm in die Augen, während er hilflos mit ansehen musste, wie Tizian komplett geschockt auf seine Wunde starrte, seinen Oberkörper aufrichtete und versuchte, den Dolch aus seinem Körper zu ziehen. Unter großen Schmerzen und größter Anstrengung gelang ihm das auch, doch brachte es ihm keine Linderung, sondern es floss noch deutlich mehr Blut zu Boden. Der Blonde ließ den Dolch fallen, er stöhnte auf, dann begann sein Oberkörper zu zittern und er sank zurück zu Boden, wo er husten musste und jetzt auch Blut aus seinem Mund sickerte, während seine Augen direkt auf Kuja gerichtet waren.
Der Fürstensohn war noch immer tief verzweifelt. Er konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, den Dolch von seinem Gürtel genommen zu haben. Er hätte doch niemals eine Waffe gegen einen seiner beiden besten Freunde gerichtet. Nicht gegen Tizian, den er doch liebte, wie einen Bruder. Niemals! Auch nicht unter diesen Umständen. Und dennoch befand sich der Dolch jetzt nicht mehr an seinem Gürtel. Es war, als wäre er wie von Geisterhand...!
Plötzlich stutzte Kuja und sein Körper erstarrte. Nein, nicht wie von Geisterhand, sondern durch die Hand...einer anderen Macht! Sein Kopf zuckte zu dem Lichtspiegel hinter ihm und tatsächlich glaubte er zu sehen, dass die Oberfläche deutlich mehr in Bewegung war, als noch zuvor. Das bestätigte seine Befürchtung, dass nicht er selbst den Dolch gezogen und benutzt hatte.
Im nächsten Moment hörte er Tizian qualvoll husten. Er wandte seinen Blick wieder um und erstarrte erneut. Der Blonde hatte seinen rechten Arm angehoben und seine Hand nach ihm ausgestreckt, die jedoch zunehmend verkrampfte. Gleichzeitig begann sein Kopf furchtbar zu zittern, während immer mehr, immer dickeres und helleres Blut aus seinem Mund floss, weil er versuchte, etwas zu sagen. Das gelang ihm aber nicht mehr, denn nur einen Augenblick später bäumte sich sein Brustkorb in einem letzten, verzweifelten Atemzug auf, dann flackerten seine Augen, bevor sein Körper wieder zu Boden sackte und endgültig erschlaffte.
Tizian war tot!
Kuja spürte, wie eine eiskalte Gänsehaut über seine Haut kroch, während ein Hitzeschauer durch seinen Körper rauschte. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, sein Puls unter die Schädeldecke. Tränen schossen in seine Augen, ihm wurde übel. Sein Körper begann zu zittern und als seine Beine unter ihm nachgaben und er hart auf die Knie fiel, löste sich ein qualvoller Schrei in ihm.
"Kuja!"
Der Fürstensohn hörte die Stimme und sein Kopf zuckte zur Seite.
Dort stand, nur wenige Meter von ihm entfernt, sein anderer Freund Giovanni. Er starrte fassungslos auf ihn und Tizian. "Was hast du getan?"
"Was?" Kujas Stimme war zittrig und rau. "Aber ich...habe doch gar nichts getan! Ich...!"
Giovannis Blick verdunkelte sich, als er zwei Schritte näherkam. "Ich habe es gesehen, Kuja! Ich war hier!" Er sah seinen Freund direkt an.
"Aber...!" Kuja wusste nicht, was er sagen sollte. "...ich! Das war ich nicht!"
"Oh doch, du warst es!" zischte Giovanni. "Sieh nur, du hast den Dolch sogar noch in den Händen!" Sein Blick verhärtete sich nochmals, dann zog er langsam sein Schwert aus der Scheide und richtete es gegen den Fürstensohn. "Tritt beiseite!" Zeitgleich kam er noch näher.
Kuja erschrak sichtlich, als er erkannte, dass er den Dolch tatsächlich in seinen Händen hielt. Dann starrte er wieder Giovanni an. Sein Freund kam mit auf ihn gerichteter Schwertspitze direkt auf ihn zu. Er konnte es kaum glauben. Doch sein Blick zeigte Hass und Entschlossenheit und so drückte Kuja seine Beine durch und erhob sich neben Tizians Leiche.
Giovanni sah ihn mit harter Miene an und kam weiter näher. Kuja musste drei Schritte zurücktreten, um nicht mit der Schwertklinge Bekanntschaft zu machen. Erst dann blickte Giovanni zu Tizian hinab. Jetzt zeigte sich echter Schmerz und echte Verzweiflung in seinem Gesicht. Er sank hinab auf sein linkes Knie, hielt aber das Schwert nach wie vor auf Kuja gerichtet. Für einen Augenblick schloss er die Augen und betete für seinen verstorbenen Freund.
Plötzlich hörte er ein kurzes Schaben hinter sich und als er sich umwandte, musste er entsetzt erkennen, dass Kuja mit erhobenem Schwert auf ihn zukam.
Giovanni riss seine Augen weit auf und stieß einen kurzen Schrei aus. Gerade noch im allerletzten Moment gelang es ihm, die Attacke seines Freundes abzuwehren. Mit einer geschickten Drehung konnte er außerdem etwas Distanz zwischen sich und Kuja bringen. Als er dem Fürstensohn ins Gesicht blickte, war dort nichts mehr von Trauer oder Verzweiflung oder Schmerz zu sehen. Stattdessen war Kujas Blick hart, allerdings auch irgendwie starr. Nichtsdestotrotz attackierte er ihn erneut.
Jetzt aber war Giovanni darauf vorbereitet und es kam zu einem kurzen Gefecht, bei dem aber zunächst keiner der Beiden einen Vorteil erzielen konnte. Dann jedoch gelang es Giovanni Kuja in die Defensive zu bringen und nachdem er einen besonders harten Schlag gegen ihn ausgeführt hatte, riss er blitzschnell sein rechtes Bein in die Höhe und hämmerte es dem Fürstensohn gegen die Brust. Kuja taumelte rückwärts und stürzte über einen kniehohen Felsbrocken, der direkt hinter ihm lag. Der Fürstensohn schrie auf, doch konnte er nicht verhindern, dass sein Körper hart und unkontrolliert zu Boden schlug.
Giovanni sah es, setzte aber nicht sofort nach, weil er irgendwie hoffte, dass Kuja jetzt wieder vernünftig werden würde. Stattdessen verschnaufte er, trat an den Felsbrocken heran und sah seinen Freund stöhnend am Boden liegen.
Das war ein Fehler!
Denn Kuja war längst nicht so angeschlagen, wie Giovanni dachte. Während er sich unter Stöhnen scheinbar ziemlich geschafft aufrichtete, schloss er in seiner linken Hand Sand vom Höhlenboden ein. Als er wieder aufrecht stand, atmete er einmal tief durch und umrundete den Fels mit erhobenem Schwert.
"Lass es!" rief Giovanni. "Lass uns darüber reden!" Seine Stimme klang fast beschwörend. "Ich bin sicher, du hattest deine Gründe...!"
Doch Kuja erwiderte nichts, noch war eine Reaktion in seinem harten, starren Ausdruck zu erkennen. Stattdessen ging er sofort wieder auf Giovanni los.
Der war jedoch achtsam und konnte die Attacke abblocken. Es entstand ein kurzer, heftiger Kampf, bei dem Giovanni allmählich erneut die Oberhand zu gewinnen schien. Zumindest bis zu dem Moment, da sich ihre Klingen kreuzten und sein Gesicht ungeschützt war. In diesem Augenblick öffnete Kuja seine linke Hand und warf ihm den Sand daraus direkt in seine Augen.
Giovanni schrie auf, Kuja riss sein rechtes Bein in die Höhe und donnerte es gegen den Oberkörper seines Freundes. Giovanni taumelte rückwärts und krachte hart gegen einen der großen Felsbrocken. Seine linke Hand zuckte in die Höhe, um sich den Sand aus den Augen zu wischen. Er wusste, er hatte nicht viel Zeit, doch als er endlich wieder einigermaßen sehen konnte, war ihm klar, dass er nicht einmal die hatte.
Denn Kuja reagierte schnell und gnadenlos. Kaum war Giovanni gegen den Felsen gekracht, rannte der Fürstensohn los, sprang nach wenigen Schritten ab und flog in einem Bogen auf seinen Freund zu.
In dem Moment, da Giovanni ihn erkannte, sah er auch das Schwert, das direkt auf ihn gerichtet war und schon einen Lidschlag später bohrte sich die Spitze mit einer solchen Wucht in seine Brust, dass sie aus dem Rücken und sogar noch in den Felsen hinter ihm schlug.
Er hatte nicht einmal die Zeit für einen Schrei. Sein letzter Atemzug blieb ihm quasi im Halse stecken. Seine Augen weiteten sich in purem Entsetzen, füllten sich mit Tränen und starrten Kuja direkt an. "Warum nur, Kuja? Warum?"
Dann begannen seine Augen zu flackern, er versuchte einen weiteren, verzweifelten Atemzug, der ihm nicht mehr gelang, bevor sein Körper erschlaffte und das Leben aus ihm wich.
Für einen Augenblick entstand in der Höhle Totenstille.
Giovannis Kopf sank auf seine Brust, Kuja stand vor ihm und sah ihn mit starrer Miene an.
Plötzlich aber flackerten die Augen des Fürstensohns und es schien, als würde er erst jetzt in die Realität zurückkehren. Im ersten Moment sichtlich überrascht, war er sofort danach zutiefst geschockt, als er erkannte, wo er war und dass sein Freund direkt vor ihm stand und...tot war!
Schon spürte Kuja seine Hand am Griff des Schwertes, das in Giovannis Brust steckte und ihn getötet hatte. Ein harter Ruck durchzuckte ihn, der ihn rüde zusammenfahren ließ. Mit weit aufgerissenen Augen und einem wilden Aufschrei sprang er einen Schritt zurück.
Oh Gott, schoss es ihm in den Kopf. Was habe ich getan? Ich kann doch nicht...?
Er wusste sofort, dass es so war, doch konnte er sich nicht daran erinnern, gegen Giovanni das Schwert erhoben zu haben. Sein Kopf wirbelte herum und er starrte auf den Lichtspiegel, dessen Oberfläche sich wieder deutlich mehr kräuselte, als zu Beginn.
Damit war Kuja klar, dass nicht er, sondern diese fremde Macht gehandelt hatte. Von ihm Besitz ergriffen, sich gegen seinen Freund gestellt und ihn getötet hatte.
Erst Tizian und jetzt auch Giovanni. Seine beiden besten Freunde, diese wie Brüder geliebten Menschen. Ein unfassbares Verbrechen.
Und er, Kuja, war schuld! Mochte auch eine fremde Macht gehandelt haben, erst Kujas Erscheinen hier in dieser Höhle hatte letztlich die Voraussetzungen geschaffen, dass dies überhaupt möglich war.
Nein, Kuja war sofort klar, dass ihn die größte Schuld traf. Ihn - und nur ihn allein. Er hatte den Dolch benutzt, der Tizian getötet hatte, er hatte das Schwert geführt, das Giovannis Ende bedeutete. Er hatte seine beiden besten Freunde getötet. Er war...ein Mörder!
Tiefe Verzweiflung befiel Kuja. Er weinte, er schluchzte und heulte erbärmlich während er auf seine Knie fiel und seinen ganzen Schmerz hinausschrie.
Minutenlang.
Bis er schließlich vornüberfiel und nur noch ein leises Schluchzen zu hören und sein bebender Oberkörper zu sehen war.
Plötzlich aber zuckte Kuja mit einem tiefen Atemzug in die Höhe. Für Augenblicke verharrte er so, dann wandte er seinen Kopf und starrte wieder zu dem Lichtspiegel hinüber.
Er durfte diese Höhle niemals wieder verlassen, dessen war er sich in diesem Moment absolut sicher. Die fremde Macht, die Besitz von ihm ergriffen und ihn zum Mörder gemacht hatte, konnte dies jederzeit wieder tun. Wenn er zurückgehen würde, wäre er eine Gefahr für jeden, dem er begegnete. Und das durfte er niemals zulassen.
Doch das reichte nicht, erkannte er knallhart. Was, wenn diese Macht ihn dazu bringen würde, doch von hier wegzugehen? Nein, er musste verhindern, dass das geschah.
Und ihm war klar, dass es nur eine Möglichkeit gab, all dies zu gewährleisten.
Mit einem tiefen Atemzug drückte sich Kuja auf seine Beine. Ohne zu zögern ging er zu Tizian und nahm wieder den Dolch, der seinen Freund getötet hatte, in seine Hände.
Der sicherste Weg war sein eigener Tod!
Und Kuja war überrascht, dass er keine Furcht verspürte, sondern nur das Gefühl, dass es absolut richtig war. Er hatte seine beiden besten Freunde getötet. Der Schmerz in ihm darüber war weitaus stärker, als die Furcht vor dem eigenen Ende. Und mit dieser Tat konnte er Mariella niemals wieder unter die Augen treten. Nein, sein Leben hatte sich innerhalb von nur einer Stunde in eine absolute Katastrophe gewandelt, aus der es nur einen Ausweg gab.
Und er war bereit, diesen Weg zu gehen.
Während er den Dolch anhob und vor seine Brust platzierte, dachte er an Mariella. Er hätte sie so gern geheiratet, er liebte sie so sehr. Hätte so gern Kinder mit ihr gehabt, das Fürstentum regiert. Mit ihr an seiner Seite wäre es ein wunderbares Leben geworden. Es tat ihm unsäglich leid, dass es nun anders kommen würde, doch diese Macht, die er gespürt und erlebt hatte, war so viel mächtiger, als alles, was er je gekannt hatte, dass er sicher war, dass sie diese Höhle niemals würde verlassen dürfen.
Mit einem letzten, stummen Liebesgruß an seine geliebte Mariella riss er seine Hände und damit den Dolch zu sich.
Doch sein Vorhaben misslang. In dem Moment, da die Klinge seine Brust durchstoßen hätte, war es ihm als würde sie gegen eine Felswand krachen. Entsetzt stöhnte er auf und versuchte es gleich noch einmal, aber es gelang erneut nicht. Die Klinge drang nicht in seinen Körper ein, sondern verharrte abrupt nur wenige Millimeter davor.
Mit einem Aufschrei ließ er sie fallen, stolperte einige Schritte zurück, starrte in Panik auf den Lichtspiegel.
Er konnte sich nicht töten. Die fremde Macht verhinderte es. Doch was sollte er jetzt tun? Tiefe Verzweiflung erfasste ihn, bis ihm plötzlich ein neuer Gedanke kam.
Vielleicht musste er doch von hier verschwinden. Immerhin hatte diese fremde Macht keinerlei Kontrolle über ihn gehabt, bevor er hierhergekommen war. Vielleicht beschränkte sich ihre Macht auf diese Höhle. Also konnte er diesen Ort verlassen und in das Dorf zurückkehren. Er würde Moretti suchen und ihm alles erklären. Dann konnten sie mit einer geballten Streitmacht wiederkommen und diesen Lichtspiegel und diese gesamte Höhle zerstören. Und dann konnte er sich am Ende für seine Taten auch selbst richten.
Ja, das war ein guter Gedanke!
Und Kuja zögerte nicht, ihn in die Tat umzusetzen.
Mit schnellen, wackeligen Schritten rannte er zum Ausgang, spürte, dass ihm sein Vorhaben gelingen konnte. Nur noch wenige Meter.
Ein Tentakel, armdick, schoss blitzschnell aus dem Lichtspiegel, quer durch die Höhle und erwischte Kuja zwei Schritte vor dem Ausgang.
Mit unglaublicher Wucht krachte er in seinen Nacken und drang sofort in ihn ein.
Kuja schrie auf, im ersten Moment in Panik, dann vor Schmerz. Doch er war vollkommen hilflos. Ein irrsinniger Druck breitete sich von seinem Nacken in seinen Körper aus und er hatte das Gefühl, als würde alles in ihm sogleich zerplatzen.
Mühelos hob der Tentakel Kuja in die Höhe, sodass seine Beine zuckend über dem Boden baumelten.
Der Fürstensohn schrie immer schmerzvoller auf, vor seinen Augen explodierten tausend Sterne.
Und dann löste sich der Tentakel wieder von ihm und zuckte zurück in den Lichtspiegel. Im selben Moment wurde Kuja schwarz vor Augen und er verlor die Besinnung, noch bevor er vollends zu Boden geschlagen war.