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XVI
ОглавлениеDie Gefängnisinsel von Tapa-Duma lag im Norden des Fürstentums, etwa zweihundert Meter vom Ufer des großen Yumonovi-Sees entfernt.
Es war ein hoch aufragender, schroffer, kahler Felsbrocken, rund zweitausend Meter lang, etwa eintausend Meter breit und knapp dreihundert Meter hoch.
Außer einigen Flechten und vereinzelten, mickrig-verkrüppelten Büschen gab es hier keinerlei Grün.
Die Nord-, West- und Ostseite der Insel bestand durchweg aus Steilküste, schroffer, teils rasiermesserscharfer Fels, der über einhundert Meter senkrecht in die Tiefe abfiel. Einzig für Schwalben, Gänse und Kraniche bot diese unwirtliche Umgebung einige hervorragende Brutplätze.
Die Südseite der Insel bestand ebenfalls nahezu komplett aus Steilküste, lediglich in einem Bereich von rund zwanzig Metern Breite lag die Felswand ein ganzes Stück nach hinten versetzt und schuf einen flachen, sanft ansteigenden Kiesstrand.
Die gesamte Insel bestand aus ultrahartem Granitgestein, dem nichts und niemand zu Leibe rücken konnte. Wundersamer Weise aber war der gesamte Fels durchzogen von vielen Gängen und Kammern. Niemand wusste, wie sie entstanden waren, doch waren sie nahezu perfekt dazu geeignet, um aus der gesamten Insel ein Gefängnis zu machen. Aufgrund ihrer Lage mitten im Yumonovi-See, eine stets ruhige, nahezu spiegelglatte Wasserfläche, und der Beschaffenheit des Granits galt die Haftanstalt als ausbruchsicher und beherbergte dementsprechend die wohl schlimmsten Verbrecher, nicht nur des Fürstentums, sondern wohl auch des gesamten Kontinents.
Keinem Gefangenen war es je gelungen, sich durch den Felsen zu graben. Da hier nichts zu finden war, außer kahlem, kaltem Stein gab es keinen Ort, um sich zu verstecken. Eine Flucht über die Steilküsten im Norden, Westen und Osten war unmöglich. Ein Sprung ins Wasser brachte unweigerlich den Tod, eine Kletterpartie an den senkrechten, rutschigen und dennoch rasiermesserscharfen Felsen war faktisch aussichtslos.
Doch die größte Gefahr und damit der beste Garant für ein Scheitern eines Ausbruchs war der See selbst. So wunderschön er inmitten von tiefgrünen, mächtigen Wäldern auch gelegen war, so ruhig und sanft sich seine Wasseroberfläche auch präsentieren mochte, so tödlich war er, denn eine übernatürlich hohe Konzentration an Borsäure sorgte dafür, dass kein organischer Stoff, wie also etwa auch ein menschlicher Körper, in ihm länger als drei Minuten überleben konnte.
Die meiste Zeit über gab es für die Insel keine direkte Verbindung zum Ufer des Sees. Nur dann, wenn Jemand auf die Insel wollte - in der Regel waren das Nahrungstransporte, aber natürlich auch, wenn neue Sträflinge gebracht wurden, änderte sich das. Hierzu war eine absenkbare Brücke aus speziell beschichtetem Stahl konstruiert worden. Normalerweise lag sie fünf Meter unter der Wasseroberfläche, doch, wenn sie benötigt wurde, konnte sie mittels hydraulischer Pumpen angehoben werden, sodass ein gefahrloser Übergang möglich war. Trotz der speziellen Beschichtung konnte sich der Stahl jedoch nicht sehr lange gegen die Säure erwehren, sodass eigentlich beständig Instandhaltungsarbeiten rund um die Brücke im Gange waren.
*
Djurko war seit nunmehr fast fünfzehn Jahren Insasse des Tapa-Duma-Gefängnisses. Vom ersten Tag an befand er sich in Einzelhaft. Obwohl seine Zelle nur sechs Quadratmeter groß war, Wände, Decke und Boden aus unbehauenem Granitstein bestanden, es nur ein winziges Fenster von der Größe einer Melone in der über einen Meter dicken Außenwand gab und er hier keinerlei persönlichen Besitz haben durfte, hatte er im Laufe der Jahre gelernt, sich zu arrangieren und einen unschätzbaren Vorteil der Einzelhaft zu entdecken: Privatsphäre!
Und die war ihm angesichts der Tatsache, dass er diese verfluchte Insel niemals wieder - nicht einmal als Leiche, denn tote Gefangene wurden einfach in den See entsorgt - verlassen würde, sehr wichtig geworden.
In seinem anderen Leben, als freier Mann vor seiner Ergreifung, hatte Djurko als Arzt gearbeitet. Sehr erfolgreich und sehr lukrativ. Sein Können war weithin bekannt gewesen und zu seinen Patienten zählten viele wohlhabende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, unter anderem sogar die fürstliche Familie, wenngleich er es nie zum Leibarzt von Fürst Marco gebracht hatte.
Seine medizinischen Fähigkeiten waren es auch, die ihm hier in dieser Hölle von teuflischen Ausgeburten der übelsten Sorte, ein ruhiges, sicheres Dasein ermöglichten. Denn da es hier niemanden scherte, wenn Jemand erkrankte, war er oft die einzige Hoffnung auf Heilung. Entsprechend genoss er eine Ausnahmestellung, die zumindest verhinderte, dass er hinterrücks abgestochen oder als Fickstück benutzt wurde.
Alles in allem hatte er sich also mit seiner Situation arrangiert, wenngleich vieles wohl nur durch Abstumpfung geschehen war, aber natürlich hatte er für sich und sein Leben eigentlich etwas ganz Anderes vorgesehen gehabt.
Die Liebe - oder besser der Hass - hatte das alles dann aber zunichtegemacht. Denn als er zufällig und ohne, dass es seine Frau oder ihr Liebhaber (einer seiner Patienten) bemerkten, beide beim Liebesspiel erwischte, setzte irgendetwas in seinem Gehirn aus. Seine Frau infizierte er daraufhin mit Pockenviren, die ihr einen langsamen und qualvollen Tod brachten, seinen Patienten vergiftete er allmählich mit der ihm verabreichten Medizin, was ebenfalls sehr schmerzhaft und leidvoll war. Da ihn niemand verdächtigte, fand er Gefallen am Töten und so schwang er sich zu einer Art Racheengel auf, der bis zu seiner Ergreifung weiteren siebenunddreißig Menschen auf höchst raffinierte, aber stets qualvolle Weise das Leben nahm.
Entsprechend wäre der Tod eigentlich die gerechte Strafe für ihn gewesen, doch Fürst Marco hatte diese aufgrund seiner Verdienste um die Gesundheit der fürstlichen Familie auf lebenslänglich abgemildert.
Darüber war Djurko anfangs sehr dankbar gewesen, denn er hatte große Angst vor dem Tod, doch im Laufe der Jahre war er sich nicht mehr so sicher, ob der Fürst ihm mit seiner Scheißgnade wirklich einen Dienst erwiesen hatte.
*
Als zwei Wachleute in die Wäscherei kamen und ihn mitnahmen, überraschte ihn das. Sicher, zu Beginn seiner Haftstrafe hatte es sehr oft andere Mediziner gegeben, die diverse Untersuchungen an ihm durchführten, um herauszufinden, was in seinem Kopf nicht richtig lief, doch nach einer gewissen Zeit ließ das deutlich nach. Schließlich hatte ihn die Welt vergessen und schon seit mehr als drei Jahren war niemand mehr erschienen.
Da ihn die Wachen aber eindeutig in Richtung der Besucherzellen brachten, war Djurko klar, dass sich das heute wieder einmal geändert hatte.
Während er sich noch nicht sicher war, ob er Lust auf einen jungen Arzt hatte, der glaubte sich mit der Analyse des Racheengels einen Namen machen zu können, folgte er den Wachen nur widerwillig, was ihm einige derbe Stöße in den Rücken einbrachte.
Dann hatten sie die letzte Besucherzelle erreicht. Während eine Wache die Tür öffnete, stellte sich die andere hinter Djurko. Im Halbdunkel der Zelle konnte er einen großen, muskulösen Mann in einem feinen Lederwams erkennen. Als die Tür geöffnet wurde, blickte er Djurko mit finsterer Miene an
"Gefangener 5 1 7!" sagte der Wachmann hinter Djurko. "Richtig?"
Der Fremde nickte. "Danke!"
"Klopft, wenn ihr fertig seid!" Der Wachmann versetzte Djurko einen sehr harten Stoß zwischen die Schulterblätter, der ihn in den Raum taumeln ließ. "Aber denkt daran: Eure Zeit ist nicht unbegrenzt!"
Während Djurko sah, wie der Fremde nochmals nickte, wurde die Tür hinter ihm geschlossen und mehrfach verriegelt.
"Hey!" rief er verärgert auf. "Was ist mit meinen Handschellen?" Sie hatten ihm die Hände auf den Rücken gefesselt, als sie ihn abholten. Bisher waren sie ihm aber stets abgenommen worden, wenn er seinen Besuchern vorgeführt wurde.
"Die bleiben, wo sie sind!" Djurko hörte die Stimme und war sofort irritiert, denn es hatte eindeutig nicht der Mann gesprochen, den er zuvor gesehen hatte. Offensichtlich war er nicht allein gekommen. Wie zur Bestätigung konnte er in der hinteren Ecke eine weitere Gestalt ausmachen. Sie drehte sich gerade zu ihm herum, doch verhinderte eine große, weite Kapuze, dass Djurko sein Gesicht sehen konnte. Anhand der kräftigen Statur und der dunklen Stimme war er sich einzig sicher, dass es ein weiterer Mann war.
"Was soll das, verdammt?" stieß Djurko gereizt hervor. "Wer zum Teufel seid ihr? Und was zur Hölle wollt ihr von mir?"
Im ersten Moment schien ihm der Unbekannte nicht antworten zu wollen. "Das sind viele Fragen auf einmal!" sagte er aber dann und es war ein tiefer Atemzug zu hören. "Nun gut! Setzt euch!"
"Leckt mich!" erwiderte Djurko.
Einen Lidschlag später stand der andere Fremde direkt neben ihm und sah ihn mit zorniger Miene und stechenden Augen an. Das Leder seines Wamses knarrte und Djurko glaubte ein leises Knurren zu hören. "Setz dich!" brummte der Kerl.
Seine Stimme klang so drohend, dass Djurko doch tat, wie ihm geheißen. "Was für ein Arschloch!" presste er aber dabei hervor.
"Also!" Der Kapuzenmann trat einen Schritt auf ihn zu. "Was das hier soll? Ich habe euch ein Angebot zu machen. Oder besser einen Deal vorzuschlagen. Einen, wie ich finde, ziemlich guten Deal!"
"Aha!" Djurko war wenig begeistert. "Was ihr nicht sagt!?"
"Wer ich bin?" Der Vermummte schüttelte den Kopf. "Das ist im Moment nicht wichtig!"
Djurko verzog die Mundwinkel zu einem säuerlichen Grinsen. "Na klar doch!"
"Was ich von euch will?" Der Vermummte atmete wieder hörbar durch und blieb noch einen weiteren Moment stumm, wobei er Djurko aus der Finsternis seiner Kapuze heraus zu mustern schien. "Ich brauche eure Hilfe!"
"Meine Hilfe?" Jetzt lachte Djurko einmal sarkastisch auf. "Ich kann mir ja nicht einmal selbst helfen, Mann! Vergesst das also mal ganz schnell wieder!"
"Halt…!" Der Oberkörper des Fremden neben ihm zuckte plötzlich herab. "...die Fresse!"
Als Djurko sein Gesicht ganz dicht neben sich sah, erschrak er sichtlich.
"Hier mein Deal!" fuhr der Vermummte fort. "Hört mir genau zu!" Er wartete, bis Djurko wieder zu ihm aufschaute. "Ihr wart Arzt! Ein sehr guter Arzt! Ich bin in der misslichen Lage, mir etwas eingefangen zu haben, von dem ich nicht weiß, was es ist!"
"Eingefangen?" Djurko zog die Augenbrauen zusammen. "Deshalb vielleicht die Kapuze? Hat etwas euer hübsches Gesicht entstellt? Oder…?" Er lachte heiser auf. "…umgekehrt: Ihr wart hässlich und seid jetzt hübsch, kommt damit aber nicht klar?"
"Nochmal!" Der Fremde schob sein Gesicht noch näher an Djurko heran und funkelte ihn mit hasserfüllten Augen an. "Halt…die Fresse!"
Djurkos Lachen verging ihm und er brummte genervt vor sich hin.
"Wenn ihr euch bereit erklärt, euch das einmal anzusehen…!" fuhr der Vermummte fort. "…erhaltet ihr hier eine Vergünstigung. Sagen wir, eine Stunde täglich freien Ausgang, solange ihr euch dabei friedlich verhaltet! Und das für ein Jahr!"
"Was?" Djurko war überrascht, musste aber sogleich den Kopf schütteln. "Das schafft ihr niemals! Die Wachen pissen euch in den Hals, wenn ihr mit dieser dummen Idee zu ihnen geht. Wer glaubt ihr eigentlich, dass ihr seid?"
"Ich glaube nicht, ich weiß!" erwiderte der Vermummte. "Und ich weiß, dass ihr diese Vergünstigung erhalten werdet! Wenn ihr euch bereit erklärt, euch das anzusehen!"
"Klar!" bestätigte Djurko mit einem leisen Lachen. "Und sei es nur, um zu sehen, wie die Wachleute euch hier erst die Kleider vom Leib reißen, euch dann ficken und anschließend in den See werfen!"
Der Vermummte reagierte nicht auf ihn, sondern setzte sich ihm gegenüber an den am Boden verankerten Metalltisch. Auch der Fremde neben Djurko blieb überraschend still.
"Lass uns jetzt bitte allein!" sagte der Vermummte zu dem anderen. Der sah ihn einen Augenblick finster an und fast glaubte Djurko schon, er würde ihm widersprechen, doch dann nickte er. Er beugte sich hinter Djurko und löste ihm die Handschellen, was diesen sehr überraschte. Er fragte sich, wie viel Bestechung wohl nötig gewesen war, damit man ihm die Schlüssel überlassen hatte? Dann ging der Fremde zur Tür und klopfte. Als die Riegel einen Augenblick später zurückgezogen wurden und die Tür danach geöffnet, schlüpfte er wortlos nach draußen.
"Also gut!" sagte der Vermummte, nachdem die Tür wieder verschlossen und verriegelt war, schob sich beide Ärmel seines Umhangs in die Höhe und legte damit seine Unterarme frei. Während Djurko seine Handgelenke rieb, starrte er auf die Kapuze, doch mehr als ein paar Schemen konnte er noch immer nicht erkennen. "Ihr seid sehr mutig!" sagte er dann.
"Warum?"
"Dass ihr hier allein mit mir bleibt!"
Djurko hörte ein leises Lachen. "Solltet ihr etwas Anderes im Sinn haben, als den Deal, wird euer Tod so sein, wie der eurer Opfer!"
"Und das wäre?"
"Qualvoll!"
Djurko sah sein Gegenüber mit säuerlicher Miene an, dann nickte er. "Wir haben uns verstanden!" sagte er.
"Gut!" Der Vermummte schien zufrieden. "Dann einen Moment bitte!" Er ballte seine Hände zu Fäusten.
Djurko schaute abwechselnd auf die Kapuze und auf die Unterarme des Fremden, konnte aber auch nach fast einer Minute noch immer nichts erkennen. Was soll der Scheiß! dachte er sich. "Passiert da auch irgendwann mal was?"
Der Vermummte stöhnte leise, aber schmerzhaft auf. "Moment noch!" Dann atmete er hörbar aus. "So, jetzt!"
Djurko sah in die Kapuze, dann senkte er seinen Blick auf die Unterarme - und war sogleich ziemlich geschockt, als er sehen konnte, wie sich direkt unter der Haut des Mannes wurmähnliche Ausbuchtungen zeigten, die gespenstisch umher schlängelten. Er stöhnte erstickt auf. "Was zum Teufel…?" Er betrachtete die unheimlichen Gebilde, war aber sofort auch fasziniert von ihnen. "…ist das?"
"Ich hatte gehofft, ihr könntet mir das sagen!?" erklärte Kuja, halb hoffnungsvoll, halb zweifelnd.
"Hm!" brummte Djurko, betrachtete die Würmer eingehend, dann nahm er Kujas rechten Unterarm sanft mit der linken Hand auf. Mit dem rechten Zeigefinger näherte er sich einem der Würmer und versuchte, darüberzustreichen. Doch sobald er ihn berührte, schlängelte er davon und verschwand in Kujas Körper. "Okay…es fühlt sich ziemlich weich an, allerdings…!" Er verstummte und wiederholte die Prozedur mit dem gleichen Ergebnis. "Hm…!" Djurko schien zu überlegen. "Wie lange habt ihr das schon?"
"Etwa vier Wochen!" erklärte Kuja wahrheitsgemäß. "Ich weiß auch, wo ich es herhabe...!"
"Und woher?"
"Ich war im Tandorini-Gebirge klettern und habe dort eine Höhle entdeckt. Als ich sie erkunden wollte, habe ich mich an einem merkwürdigen Stein geschrammt und mir eine Schnittwunde zugezogen!" Das war zwar nicht die Wahrheit, kam ihr aber schon ziemlich nahe. "Dabei muss es passiert sein!"
"Woher wisst ihr das?"
"Ich hatte ziemliche Schmerzen, als die Wunde verheilte. Außerdem habe ich diese…Dinger einen Tag später das erste Mal entdeckt. Direkt an der Wunde!"
"Okay!" Djurko nickte. "Ich verstehe!" Er überlegte. "Wisst ihr noch, wo diese Höhle zu finden ist?"
"Nein!" Kuja schüttelte den Kopf. "Leider nicht!"
"Schade!" Djurko verzog die Mundwinkel. "Wir hätten den Stein finden können. Das hätte die Sache sicherlich einfacher gemacht!"
"Tut mir leid!"
"Na ja, was nicht ist, ist eben nicht!" Djurko betrachtete nochmals die Würmer, dann sah er Kuja direkt an. "Wollt ihr wirklich wissen, was das ist?"
"Ja!" Kuja nickte. "Natürlich!"
"Dann…!" Djurko atmete einmal tief ein. "…werde ich euch wehtun müssen!"
Kuja zögerte einen Moment, dann nickte er. "Okay!"
Djurko schien zufrieden. "Ich brauche ein Messer!" Er sah Kuja mit großen Augen an.
Langsam zog Kuja seines aus dem Gürtel und reichte es ihm. "Ihr wisst, was ich euch gesagt habe?"
Djurko grinste breit. "Keine Sorge. Wenn ich euch hätte töten wollen, wärt ihr es längst!" Er nahm das Messer an sich. Dann hielt er seine linke Hand dicht über Kujas linken Unterarm. "Achtung jetzt!" sagte er. "Nicht bewegen!" Er verfolgte konzentriert die Bewegungen der Würmer und fixierte schließlich einen der größeren an, der sich relativ ruhig verhielt. "Nicht…bewegen!" sagte er nochmals, dann drückte er Daumen und Zeigefinger an beiden Seiten des Wurms tief in Kujas Haut und drückte sie gleichzeitig kräftig zusammen. Dadurch gelangten sie unter den Wurm und drückten ihn fest gegen die Unterseite der Haut. Das Vieh begann sofort, sich zu wehren, doch war es quasi eingeklemmt. "Jetzt wird es wehtun!" sagte Djurko und schon hatte er direkt über dem Wurm einen etwa zwei Zentimeter langen Schnitt ausgeführt. Die Haut öffnete sich und der Wurm kam zum Vorschein. Dunkelgrün, fast schwarz und schleimig. Kuja stöhnte erschrocken auf. Djurko aber nahm das Messer, stach schnell und präzise in die Mitte des Wurms, drehte die Klinge dann seitlich weg und hebelte ihn damit quasi mit einem schmatzenden Geräusch aus Kujas Körper. "Hab dich!" sagte Djurko, griff am Knauf um und donnerte die Spitze dann in den Metalltisch, sodass das Messer tatsächlich aufrecht stecken blieb. Der Wurm, bei dem nicht zu erkennen war, wo sein Kopf war, zappelte umher, doch war er gefangen. Eine gelbliche Flüssigkeit sickerte aus der Wunde.
"Eklig, was?" Djurko grinste schief. "Aber…!" Er betrachtete den Wurm eingehend. "…interessant!" Dann aber setzte er sich wieder aufrecht, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Und?" fragte Kuja ungeduldig, während er sich die kleine Schnittwunde mit einem sauberen Tuch verband. "Wisst ihr, was das ist?"
"Nein!" Djurko schüttelte den Kopf.
"Was?" Kujas Stimme klang ein wenig verzweifelt.
"Na ja…!" fügte Djurko an. "Zumindest bin ich mir nicht sicher. Ich habe so etwas Ähnliches schon einmal gesehen, aber…da waren die Würmer lange nicht so groß und…!"
"Und was?"
"Der Infizierte sah sehr viel schlechter aus, als ihr es tut!" Djurko schüttelte den Kopf.
"Was heißt das?"
"Mein Patient hatte sich damals ebenfalls eine Schnittwunde zugezogen und sich dabei mit einem Virus infiziert, der Larven in seinem Körper gebildet hat. Sie sahen aus, wie Würmer und haben sich von seinem Fleisch und seinen Organen ernährt. Nach zwei Wochen schon sah er aus, wie eine lebende Leiche. Vier Wochen - so wie ihr - hätte er niemals überlebt!"
"Larven?" Kuja sah ihn ziemlich geschockt an. "Fleisch?"
Djurko nickte. "Ja. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch auf euch zutrifft, wenngleich sich natürlich die Frage stellt, wovon sie sich ernähren, wenn nicht von euch?" Er verzog die Mundwinkel. "Auf jeden Fall aber fürchte ich, dass die Zeit drängt!"
"Was? Wieso?" Kuja sah ihn mit großen Augen an.
"Das sind Larven!" Djurko fixierte Kujas Blick. "Und Larven haben die Eigenschaft, sich zu verpuppen!"
"Verpuppen? Und dann?"
Doch Djurko schüttelte mit ernster Meine den Kopf. "Das wollt ihr nicht wirklich wissen! Auf jeden Fall werdet ihr das nicht überleben!"
"Dann tut etwas dagegen!"
Djurko blickte nachdenklich. "Ich müsste ein paar Tests durchführen, einige Untersuchungen machen!"
"Und dann würdet ihr herausfinden, was mir fehlt?"
Djurko nickte. "Natürlich!"
"Und könntet ein Heilmittel herstellen!?"
Bevor Djurko antwortete, musterte er sein Gegenüber einen Moment. "Möglicherweise!" sagte er dann.
"Okay!" Kuja nickte mehrmals bedächtig. "Mehr kann ich nicht erwarten!" Unvermittelt hob er seine Hände an und schlug seine Kapuze zurück.
Als Djurko seinen Gesprächspartner jetzt erkennen konnte, riss er sofort seine Augen auf und sog die Luft scharf in die Lungen. "Fürst…Kuja!" stieß er ungläubig hervor und fast wie automatisch senkte er seinen Kopf unterwürfig.
"Würdet ihr euch bereit erklären, meine Krankheit zu untersuchen?"
"Dazu benötige ich ein komplett ausgestattetes Labor!" erklärte Djurko. "Könntet ihr dafür sorgen?"
Kuja nickte. "Ja, das kann ich!"
"Dann würde ich es tun, wenn…!"
"Wenn was?"
"Wenn ich wüsste, was für mich dabei herausspringt!?"
"Also gut! Hier ist ein neuer Deal!" Kuja fixierte Djurkos Blick. "Ich stelle euch ein komplett ausgestattetes Labor zur Verfügung, um meine Krankheit zu untersuchen und ein Heilmittel zu finden. Macht eine Liste, was ihr benötigt. Ihr habt dafür vierundzwanzig Stunden Zeit. Gebt die Liste morgen um diese Zeit dem Kurier, der hier auf euch warten wird. Dann gebt mir nochmals eine Woche, bis das Labor für euch bereitsteht! Kommandant Moretti...!" Kuja deutete mit dem Kopf zur Tür. "…wird euch abholen!" Er hielt einen Augenblick inne, bis er sah, dass Djurko mehrmals nickte. "Wenn es euch nicht gelingt, die Krankheit zu identifizieren, gilt unser erster Deal: Täglich eine Stunde freien Ausgang für ein Jahr! Gelingt es euch aber doch, werdet ihr diese Vergünstigung bis zum Ende eures Lebens behalten dürfen!" Kuja sah, dass Djurko diese Aussicht gefiel. "Könnt ihr sogar eine Medizin herstellen und mich heilen…!" Er wartete, bis sein Gegenüber ihn ansah. "...werde ich euch… begnadigen!"
Djurkos Augen weiteten sich. Kuja konnte förmlich sehen, wie sein Gehirn auf Hochtouren lief, weil er das eine, magische Wort gesagt hatte: Freiheit! Doch nach einer anfänglichen Euphorie, verfinsterte sich sein Gesicht wieder und Misstrauen trat hervor. "Was, wenn mein Heilmittel nicht wirkt?"
"Dann bleibt es bei der lebenslangen Vergünstigung. Solange ich sicher sein kann, dass ihr ernsthaft versucht, mir zu helfen. Sollte ich aber das Gefühl haben, dass ihr nach etwas Anderem strebt, als meinem Wohlergehen und sogar so etwas wie Flucht im Auge habt, werdet ihr sterben!"
Für einen Augenblick trat Stille ein, in der Djurko sichtlich überlegte.
Dann schließlich nickte er. "Euer Angebot klingt fair. Wir haben einen Deal!"
"Gut!" Kuja war sichtlich zufrieden. Er erhob sich und wollte zur Tür gehen, als er plötzlich stehen blieb und sich zu Djurko drehte. "Eins noch!" Er wartete, bis der Sträfling ihn ansah. "Kein Wort über dieses Gespräch! Zu Niemandem! Auch nicht zu meinem Kommandanten! Verstanden?"
Djurko lächelte. "Welches Gespräch?"
Kuja nickte und schien erneut zufrieden. Dann trat er zur Tür, wo er klopfte. Während die Riegel zurückgeschoben wurden, ging er zurück zum Tisch und schob sich die Kapuze wieder über den Kopf und tief in das Gesicht hinein. Dann trat Moretti in den Raum. Kuja und der Kommandant wechselten einen kurzen Blick.
"Wir sind hier fertig!" erklärte Kuja. Mit schnellen Schritten verließen Moretti und der Fürst die Zelle und das Gefängnis. Keine fünf Minuten später ritten sie über die stählerne Brücke von der Insel.