Читать книгу Virus - Alfred Broi - Страница 27
XXIII
Оглавление"Ihr müsst uns helfen!" Sein Gegenüber war offenkundig verzweifelt und fast schon den Tränen nahe. "Bitte!" flehte er, weil er sichtlich Angst hatte, seine emotionale, ja fast flammende Rede, die er in den letzten zwanzig Minuten gehalten hatte, hätte ihr Ziel verfehlt. "Ihr seid unsere einzige Hoffnung…!" Mit einem tiefen Atemzug sackte der Mann förmlich in sich zusammen und auch die letzte Zuversicht schwand aus seinem Gesicht. "…und unsere letzte Rettung!"
Sein Name war Bimus und er war der Bürgermeister von Mintia, einer kleinen Stadt in der im äußersten Nordosten des Fürstentums gelegenen Provinz Paragosti. Hier gab es die größten und dichtesten Kiefernwälder des Landes in einer beinahe ausschließlich bergigen Landschaft. Das Klima war meist kalt und feucht und neblig, sodass sich nur eine geringe Bevölkerungszahl angesiedelt hatte, die sich überwiegend von der Holzwirtschaft und dem Bergbau ernährte.
Das Leben in Paragosti im Allgemeinen, sowie in Mintia im Speziellen, war einfach und hart, aber auskömmlich und durchaus herzlich, ehrlich und geradlinig.
Die meisten Städte gab es im Norden der Provinz, wo das Land flacher und das Klima etwas milder war.
Mintia aber lag an den Ausläufern des Tandorini-Gebirges inmitten weitläufiger Wälder in der Nähe einer Silbermine. Sie war die größte Stadt im äußersten Osten der Provinz und obwohl die Mine längst nicht mehr den Profit abwarf, wie noch vor einigen Jahren, konnte sie ihre rund sechshundert Einwohner noch immer ordentlich ernähren.
Eigentlich hätten alle zufrieden sein können, doch genau das war seit nunmehr vier Monaten nicht mehr der Fall. Denn vor vier Monaten war etwas geschehen, dass das Leben aller Einwohner urplötzlich auf äußerst einschneidende und höchst grausame Art und Weise verändert hatte. Vor vier Monaten hatte das Böse Einzug in Mintia gehalten und suchte die Stadt seither immer wieder in unregelmäßigen Abständen heim.
Die ersten beiden auf schier unfassbar grauenhafte Weise verstümmelten Leichen fand ein Mädchen auf ihrem Schulweg. Die ganze Stadt stand augenblicklich unter Schock, da niemand glauben konnte, dass ein Mensch zu einer solchen Bluttat fähig sein mochte. Ein Täter konnte auch nicht gefunden werden und ein Motiv - etwa Eifersucht oder Habgier - war ebenfalls nicht zu erkennen.
Eine Woche später gab es einen weiteren, grässlichen Mord, wenige Tage danach wurde eine komplette vierköpfige Familie in ihrem Haus abgeschlachtet.
Spätestens jetzt ging die nackte Angst in Mintia um und die Einwohner begannen, den Täter in ihren eigenen Reihen zu vermuten. Misstrauen, Argwohn und offener Hass traten zu Tage. Da die Morde nur in der Dunkelheit geschahen, lag die Stadt nach Sonnenuntergang wie ausgestorben da. Doch ließ sich dadurch das pure Grauen nicht zurückhalten. Eingangstüren wurden einfach aus den Angeln gerissen und der Mörder ging seinem blutigen und teuflischen Handwerk ungebremst nach.
Sich der Tatsache bewusst, dass es kein Entkommen gab, rauften sich die Einwohner zusammen und stellten eine Bürgerwehr auf, die den Täter in der Dunkelheit stellen und töten sollte.
Anfangs schien es so, als wäre allein ihre Anwesenheit dafür verantwortlich, dass die Morde endeten, doch nach drei Wochen ohne Verlust, wütete das Grauen nur umso schlimmer. Wenig später gelang es einem Trupp der Bürgerwehr, den Täter auf frischer Tat zu stellen. Deutlich war das Scheppern einer aus den Angeln gerissenen Tür zu hören. Als die Männer das Haus erreicht hatten, drangen furchtbare Schreie der Bewohner nach außen, die das grauenhafte Schicksal, das sie gerade ereilte, nur erahnen ließ. Doch es waren auch andere Geräusche zu hören: Ein tiefes Grollen, ein wildes Schnaufen, ein Knurren - und dann ein unglaublich gespenstisches Heulen, bevor Totenstille eintrat.
Mit zitternden Knien und schweißnassen Händen arbeitete sich der Trupp zum Haus vor, als urplötzlich ein gewaltiger, schwarzer Schatten heraustrat und sie den wohl größten Wolf erblickten, den sie je gesehen hatten. Sein schwarzes Fell glänzte beinahe ölig im Mondlicht und wirkte so hart und borstig, wie Draht. Seine Augen loderten tiefrot und hasserfüllt in ihren Höhlen, das gewaltige Maul starrte vor rasiermesserscharfen Zähnen, an denen noch immer Blut und Fleisch seiner Opfer klebten. Die Schulterhöhe dieser Bestie lag bei fast zwei Metern und übertraf damit alles, was je zuvor gesichtet worden war. Das Tier besaß mächtige Klauen an seinen Beinen und als es seine Widersacher vor sich erkannte, ging es sofort knurrend und zähnefletschend in Angriffsposition.
Geschockt über den Anblick schienen die Männer erst erstarren zu wollen, doch gelang es ihnen tatsächlich, ihre Waffen zu heben und zu feuern. Mindestens dreißig Schuss konnten sie auf die Bestie abgeben, doch keiner davon fand sein Ziel. Es war, als würde das Tier ein Schutzschild umgeben, das immer wieder rot aufflammte, wenn es eine Kugel abfing und so verhinderte, dass der Wolf Schaden nahm.
Mit einem wilden Brüllen sprang das Monstrum vorwärts, griff zwei der Männer an und tötete sie durch gezielte Bisse in den Hals innerhalb weniger Augenblicke. Einen dritten packte es am Bein und zerrte es mit sich in den Wald, ohne dabei viel an Geschwindigkeit einzubüßen. Die schrillen Schreie des Opfers hallten noch weithin nach, bevor sie auf bestialische Weise in der Finsternis verstummten und erneut ein gespenstisches Heulen den Männern eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken kriechen ließ, während es drohend und unheilvoll über der Stadt verklang.
Der Aufruhr am Morgen war riesig, der Schrecken gewaltig. Die Ausführungen der überlebenden Männer sorgten für Entsetzen, Zweifel und Unsicherheit, doch konnte und wollte niemand ihr Wort ignorieren.
Was aber sollte man gegen eine derartige Kreatur denn nur ausrichten? Einer offensichtlichen Schöpfung des Bösen in Größe, Kraft und Verteidigung! Wenn sie immun gegen Waffen war, was konnte man dann noch tun? Oder brauchte man lediglich größere Waffen? Oder war sie ein Fluch, der über die Bewohner von Mintia gekommen war und somit nicht dazu gedacht, vernichtet zu werden? Mussten sie alle sich hier einer Prüfung unterziehen und nur das Schicksal entschied über Tod oder Leben? Womöglich forderte hier aber auch eine uralte Macht ihren einst angestammten Platz wieder ein und sie waren dazu genötigt, Mintia für immer zu verlassen, wenn sie diesem Wahnsinn nicht auch zum Opfer fallen wollten?
Die Liste der Fragen war unendlich lang und eine wirkliche Lösung schien nicht in Sicht.
Zumindest nicht, bis Torkal, einer der ältesten Bauern der Stadt, das Wort ergriff. "Was ist…?" begann er und konnte schon erste mitleidige und genervte Blicke der Umstehenden erhaschen, weil man ihm mit seinen dreiundachtzig Lebensjahren keinen klaren Gedanken mehr zutraute. "…wenn die Kreatur eine Schöpfung der Finsternis ist…?"
"Da hatten wir schon, Torkal!" schalt ihn Bürgermeister Bimus und verdrehte die Augen.
Doch der Alte hatte noch nicht geendet. "…und wir spezielle Waffen benötigen, um sie zu vernichten?"
"Spezielle...Waffen?" Die anderen sahen ihn überrascht, aber auch verwirrt an.
Torkal nickte. "Oder besser: Besondere Kräfte!"
"Besondere Kräfte?" Bimus Blick verdunkelte sich und er fixierte den Alten. "Torkal, wovon redest du?"
Der Alte blickte einmal mit großen Augen in die Runde. Dabei huschte ihm zunächst ein dünnes Lächeln über die Lippen, dann aber wurde sein Gesichtsausdruck ernst und hart. "Von…Magie!"
*
Im ersten Moment hätte es beinahe einen Tumult im Sitzungssaal gegeben, weil alle den Alten für vollkommen verrückt hielten und sie ihren Unmut über seine Äußerungen, aber auch ihre Ohnmacht über die schlimme Situation an ihm auslassen wollten.
Doch Bimus kannte Torkal schon seit Jahrzehnten und irgendetwas in den Augen des Alten sagte ihm, dass dieser eben nicht den Verstand verloren hatte.
Also hakte er nach.
"Wir besorgen uns einen Magier!" erklärte Torkal.
"Magier existieren nicht!" wehrte Bimus daraufhin ab und war ziemlich enttäuscht, weil er sich offensichtlich doch geirrt hatte. "Die Geschichten über sie gehören allesamt ins Reich der Fantasie!"
Doch Torkal schüttelte den Kopf. "Tun sie nicht!"
"Ach ja? Und woher weißt du das?"
"Weil ich einen Magier kenne und…!" Ein Lächeln huschte über seine Lippen. "…sogar mit ihm verwandt bin!"
*
Torkals Enkeltochter Talina lebte in Alimante und war verheiratet mit Arturo. Offiziell war dieser Mann ein Baumeister, doch in Wahrheit beherrschte er die Kunst der Magie.
Torkal bot an, ihn zu benachrichtigen, wenn…
"Was, wenn?" fragte Bimus.
"…wir uns im Klaren darüber sind, dass seine Dienste ihren Preis haben werden!"
Bimus schaute in die Runde. Tatsächlich konnte er in vielen Gesichtern aufkommenden Geiz erkennen, doch überall sah er auch die nackte Angst. "Ich denke nicht, dass wir um unser Leben feilschen werden!" erklärte er daraufhin. "Nimm Kontakt zu ihm auf und sorge dafür, dass er uns so schnell, wie möglich, zur Hilfe eilt!"
*
Zehn Tage später ritt Arturo in Mintia ein. Und er war nicht allein: Er hatte seine Frau Talina, sowie seine acht Jahre alte Tochter Mirani und seinen zwei Jahre alten Sohn Jacob mitgebracht. Er war, wie auch seine Frau, der Meinung, die Reise hierher sei ein trefflicher Grund für einen Besuch bei Talinas Familie.
Nachdem sie Torkal aufgesucht hatten, fand eine Besprechung mit Bimus und anderen Stadtbewohnern im Versammlungsraum statt, wo man Arturo eingehend über das Problem informierte.
Der erklärte sich letztlich - auch angesichts des ihm angebotenen Lohns - dazu bereit, die Stadt von ihrem Joch zu befreien. Aufgrund seiner magischen Fähigkeiten war sich Arturo sicher, dass die Aufgabe kein größeres Problem darstellen würde.
Allerdings sorgte er dafür, dass seine Frau und seine beiden Kinder zunächst in den etwa sechs Kilometer entfernten Nachbarort Durant weiterreisten, wo Talinas Mutter Zirani wohnte, um sie in Sicherheit zu wissen.
Nachdem das erledigt war, machte sich Arturo sogleich ans Werk. Er legte einige magische Markierungen aus, die das Monstrum anlocken sollten, indem er Stücke eines geschlachteten Schweins mit Bannsprüchen belegte, sie aber gleichsam mit magischer Energie speiste.
Wenn das Untier vom Geruch des Blutes angelockt werden würde, würde es keine Chance haben, die begehrte Beute zu fressen, wohl aber die magische Signatur aufnehmen, die es direkt zu Arturo und dem Hinterhalt führen würde, den er hierfür auf dem Marktplatz aufgebaut hatte.
So zumindest war der Plan!
Doch weder am ersten Tag, noch am zweiten ließ sich die Bestie blicken.
Arturo erkannte, dass das Vieh schlauer war, als er angenommen hatte. Da er aber keine Lust hatte, hier länger als nötig zu verweilen, beschloss er, ihm mit aller Macht entgegenzutreten.
Zusammen mit einem Trupp mutiger Männer machte er sich in den finsteren Wäldern auf die Suche nach dem Monstrum.
Finden taten sie es jedoch nicht - dafür aber etwas Anderes…und wie alle Umstehenden fanden, viel Besseres!
Der Unterschlupf war sehr gut gewählt: Eine Höhle auf einer kleinen Anhöhe, um Feinde frühzeitig zu erkennen und dennoch beinahe vollkommen verdeckt von einem großen Busch. Hinzu kam, dass der Eingang nur gerade breit genug für eine Person war.
Als sie näherkamen, waren leise Geräusche aus dem Inneren der Höhle zu hören, die sehr schnell charakteristisch wurden und nur einen Schluss zuließen: Das Monstrum musste dort Jungtiere versteckt halten!
Arturo befahl den Männern zu warten. Als er sich der Höhle näherte, musste er erkennen, dass sie von einem magischen Schutzwall umgeben war. Er prüfte die Signatur. Sie war ihm unbekannt und ziemlich stark, doch wusste er bereits, wie er gegen sie vorgehen musste. Er hatte zwar keine Ahnung, woher diese Kreatur ihre magische Energie bezog, doch würde er sie ohne größere Anstrengung brechen können, sodass die Männer das Untier letztlich töten konnten. Zufrieden mit dieser Erkenntnis zerstörte er den Schutzwall und ging ins Innere der Höhle. Dort fand er tatsächlich drei Jungtiere vor, die kaum älter als einige Wochen sein konnten. Sofort wusste er, was er zu tun hatte
Eine Minute später kam Arturo wieder heraus und gemeinsam ritten sie zurück in die Stadt.
Dort warteten sie.
Schon als sich die Bestie der Höhle näherte, spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Als sie erkannte, dass die magische Barriere nicht mehr existierte, stöhnte sie erschrocken auf. Einen Augenblick später drang ihr der Geruch von frischem Blut in die Nase.
Sie hastete in die Höhle und erstarrte ruckartig, als sie ihre drei Jungtiere tot und zerfetzt am Boden liegen sah.
Wenig später war ein gespenstisches, jammervolles Jaulen in den Wäldern zu hören, das zunehmend tiefer und zorniger wurde.
Als Arturo es auf dem Markplatz von Mintia vernahm, hatte er das Gefühl, als würde sogar die Luft davon vibrieren. Daraufhin huschte ein dünnes Lächeln über seine Lippen, weil sein Plan aufgegangen war und er schon sehr bald der Bestie gegenüberstehen würde.
Eine ganze Zeitlang aber war es einfach nur totenstill.
Arturo stellte sich in Gedanken vor, wie die Bestie, rasend vor Wut und Hass, durch den Wald stürmte und direkt auf die Stadt, den Marktplatz und den Mörder ihrer Nachkommen zuhielt. Er würde dann leichtes Spiel haben, ihren magischen Schutzwall mit den ihm innewohnenden Fähigkeiten aufzubrechen und den Männern damit die Möglichkeit geben, das Monstrum zu töten. Er konnte sich eines weiteren Grinsens nicht erwehren.
Plötzlich war wieder ein düsteres Heulen zu hören, doch war es nicht wie erwartet schon deutlich näher heran, sondern es erscholl weiter westlich. Arturos Lächeln verschwand und er lauschte konzentriert in die aufkommende Abenddämmerung. Da, wieder war ein Heulen zu hören, doch wieder nicht näher, sondern noch weiter westlich. Arturos Augenbrauen senkten sich. Was zum Teufel tut dieses Vieh? Läuft es davon? Flüchtet es? Hat es erkannt, dass ich stärker bin und jetzt Angst? Ein weiteres Heulen, wieder weiter westlich. Will es die Stadt umrunden und uns von der anderen Seite angreifen? Dann sollte es nicht so einen Lärm machen! Oder was ist dort im Westen, dass…?
Arturos Herz setzte einen Schlag aus. Sein ganzer Körper versteifte sich in einem Augenblick, als ihn bittere Erkenntnis befiel, die ihm eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken und eine wuchtige Hitzewelle durch seinen Körper trieb.
Durant! Talina! Mirani! Jacob! Oh Gott!
Er trieb sein Pferd bis zum Äußersten und flog förmlich dahin und doch wusste er bereits, dass er nicht schnell genug sein würde.
Auf halbem Wege nach Durant verstummte das Heulen des Wolfes. Arturo hätte schreien können, doch es schossen nur Tränen aus seinen Augen.
Dann endlich hatte er sein Ziel erreicht.
Der Hof seines Schwiegervaters Torgini lag etwas außerhalb der kleinen Stadt. Als er auf das Haupthaus zuritt, konnte er zunächst niemanden sehen. Alles war ruhig. Zu ruhig!
Arturo sprang vom Pferd und rannte auf das Haus zu, als er plötzlich die verstümmelte Leiche einer jungen Magd am Wegrand erkannte. Ihr Brustkorb war aufgerissen, ihre weit aufgerissenen Augen starrten blicklos in den Himmel. Wenige Meter weiter konnte er eine weitere Leiche erkennen. Dieses Mal war es ein Knecht mit einer tödlichen Bisswunde am Hals, die ihm den halben Kopf vom Rumpf getrennt hatte. Wie auch bei der Magd schimmerte das Blut noch feucht und sprudelte zu Boden.
Arturo blickte auf. Der Weg führte zum Gemüsegarten neben dem Haus. Ohne zu zögern rannte er dorthin.
Direkt am Eingang lag sein Schwiegervater. Brustkorb und Bauch waren aufgerissen, seine Gedärme lagen am Boden, sein Mund war zu einem letzten stummen Schrei weit aufgerissen.
Und dann sah Arturo sie.
Talina, seine wunderschöne, über alles geliebte Frau. Nur wenige Schritte davon entfernt Mirani! Seine wunderbare, so intelligente Tochter!
Zerfetzt, zerstört, ausgeweidet! Ein unfassbar grausamer und grauenhafter Anblick! Arturo stöhnte erstickt auf, seine Beine begannen zu zittern, er stürzte hart auf die Knie, während er bitterlich und erbärmlich zu weinen begann.
In den Augenwinkeln sah er ein Kinderbettchen auf der Veranda. Als er dorthin blickte, musste er erkennen, dass es umgestürzt und voller Blut auf eine weitere verstümmelte Leiche gestürzt war.
Jacob also auch. Sein kleiner Sohn, so lebhaft und voller Unschuld und doch auch so grausam gestorben.
Und als er erkannte, dass das Untier seine gesamte Familie ausgelöscht hatte, konnte er nur noch schreien.
Plötzlich hörte er ein Knurren.
Arturo riss seinen Oberkörper in die Höhe und sein Kopf zuckte umher. Wo?
Er erkannte die Bestie, vielleicht fünf Meter von ihm entfernt, am Rande des Gartens. Sie war in der Tat monströs und ihr schwarzes, borstiges Fell schimmerte teuflisch rot im Licht der letzten Sonnenstrahlen. Ihre blutroten Augen funkelten ihn mit dem wohl hasserfülltesten Blick an, den er je gesehen hatte. Er war voller Schmerz, aber auch voller Genugtuung. Und er zeigte, dass die Bestie noch nicht genug hatte.
Mit schier irrsinniger Wut in sich und einem wilden Aufschrei spritzte Arturo zurück auf die Beine. Im selben Moment brüllte die Bestie auf und stürmte auf ihn los. Arturo konnte gerade noch seine Arme anheben und einen Schutzzauber wirken. Der verhinderte, dass das Untier seine Kiefer in seinen Körper schlagen konnte, nicht aber, dass er von der Wucht des Angriffs umgerissen wurde. Doch Arturo konnte sich geschickt abrollen und während der Wolf sich mehrmals überschlug, wirbelte er zu ihm herum und ließ einen kopfgroßen, glühend heißen Feuerball auf ihn los.
Die Bestie konnte sich wieder fangen und stürmte erneut heran. Der Feuerball erwischte sie an der linken Schulter und sie musste aufschreien, doch schien sie keinen Schmerz zu spüren und ihn nur noch heftiger zu attackieren. Kurz bevor der nächste rüde Zusammenprall erfolgte und seine eigene Schutzhülle böse beschädigte, dass es nur so krachte, konnte Arturo einen Schwall Magie gegen den Schutzschild des Monstrums werfen. Während er selbst rücklings gegen einen Karren geschleudert wurde, konnte er hören, wie sich auch die magische Hülle um seinen Gegner zischend und knisternd auflöste.
Für einen Augenblick standen sie sich dann lauernd gegenüber und realisierten auch optisch, dass ihre Schutzhüllen unbrauchbar geworden waren, weil diese nicht mehr unsichtbar waren und nach und nach in sich zusammenfielen.
Der Wolf sah dann als erster seine Chance auf einen Sieg. Körpergröße und Kraft waren deutlich auf seiner Seite. Arturo aber war extrem wendig und schnell und es gelang ihm, der ersten Attacke mit einer blitzschnellen Drehung auszuweichen. Allerdings musste er hinnehmen, dass ihm der rechte Vorderlauf des Tieres seine rechte Seite aufriss. Aus den vier tiefen Schnittwunden sickerte sofort Blut. Arturo spürte einen brennenden Schmerz und musste aufschreien. Dann erkannte er die Spitzhacke, die auf dem Karren lag. Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr und riss sie an sich.
Als der Wolf ihn Sekundenbruchteile später erneut attackierte, wirbelte Arturo herum und ließ die Spitzhacke waagerecht kreisen. Mit einem dumpfen Klatschen drang die Spitze tief in die linke Schulter des Tieres ein, das wild quiekte und nach links abgelenkt wurde. Während es die Krallen des linken Vorderlaufs in Arturos rechte Brust hämmerte, rutschte die Bestie von der Spitzhacke und schlug unkontrolliert zu Boden.
Beide Parteien hatten danach Mühen, wieder auf die Füße zu kommen. Arturo stand halb zusammengesunken auf wackligen Beinen. Er atmete schwer und hatte sichtlich Schmerzen. Sein Wams war längst klatschnass von Blut.
Der Wolf hinkte auf dem linken Vorderlauf, der kraftlos in den Gelenken baumelte und den er nicht mehr aufsetzen konnte.
Dennoch griff das Tier wenige Augenblicke später wieder an.
Arturo zögerte bis zum allerletzten Moment, dann nahm er all seine Kraft zusammen, riss die Spitzhacke in die Höhe und drosch sie mit einem wilden Aufschrei senkrecht von oben in den Schädel der Bestie. Ein scharfes Knacken ertönte, doch schon im nächsten Moment wurde Arturo von dem mächtigen Körper der Kreatur umgerissen. Mit einem dumpfen Knall schlug er zu Boden, während ihn das Tier unter sich begrub. Blut schoss aus der Wunde im Schädel und verteilte sich auf Arturos Gesicht. Das Tier lag vollkommen reglos auf ihm und er war sicher, dass es tot war.
Doch genau in dem Moment, da er es mit seiner letzten Kraft zur Seite schieben wollte, riss es seine blutroten Augen auf und starrte ihn hasserfüllt an. Sofort öffneten sich seine Kiefer und die Gliedmaßen begannen zu zucken. Im Todeskampf noch wollte die Bestie den Menschen als letztes Opfer mit sich in die Finsternis reißen.
Und Arturo wusste, dass ihr das auch gelingen würde, denn er war unter dem massigen Körper der Kreatur schlichtweg gefangen und konnte nicht weg. Auch spürte er, wie die Kraft aus seinen Gliedern wich, wie Wasser aus einer defekten Gießkanne. Natürlich sorgte der Überlebensinstinkt dafür, dass er sich gegen den Angriff der Bestie stemmte, doch wenn ihm nicht schnell etwas einfiele, würde er seiner Familie in den Tod folgen.
Für einen Lidschlag schien ihm dieser Gedanke weder schlimm, noch empfand er Angst dabei, ja, er wirkte auf ihn sogar tröstlich, doch dann erkannte er plötzlich den Stiel der Spitzhacke direkt vor seinen Augen. Und fast wie automatisch zuckten seine beiden Arme in die Höhe. Sie umklammerten den Holzstiel, so fest sie konnten, rissen das Gerät aus dem Schädel der Kreatur, wobei ihm ein gewaltiger Schwall bitteren Blutes ins Gesicht schoss und ihm für einen Moment die Sicht nahm, dann zog er die Spitzhacke etwas nach unten und donnerte den Stiel schon im nächsten Moment mit der allerletzten Kraft, die er noch aufbringen konnte, so tief in das weit aufgerissene Maul der Bestie, wie es nur ging.
Diese brüllte erstickt auf und begann wild zu zittern, doch dann brach ihr Quieken abrupt ab. Es folgten einige hektische und qualvolle Atemzüge, dass Arturo schon sicher war, er hätte sich einen Bärendienst erwiesen, als abrupt jegliches Leben aus dem Monstrum wich und es förmlich erstarrte.
Zu diesem Zeitpunkt aber driftete Arturos Verstand bereits ins Reich der Finsternis, weil er seinen zahlreichen Verletzungen Tribut zollen musste und er verlor mit offenen Augen das Bewusstsein.
Zurück blieb eine gespenstische Totenstille.
*
Sechs Minuten später trat Zirani aus dem nahegelegenen Waldstück auf die davor befindliche Wiese hinaus.
In einer kleinen Karre schob sie ihren Enkelsohn Jacob vor sich her. Sie hatte den Jungen vom ersten Augenblick an ganz tief in ihr Herz geschlossen. Und als ihre Tochter und ihre Enkelin Mirani vor einigen Stunden kundtaten, dass sie ihrem Mann im Gemüsegarten helfen wollten, hatte sie sich Jacob kurzerhand geschnappt und war mit ihm zum nahegelegenen Waldsee gegangen.
Als sie jetzt zurückkehrte, freute sie sich darauf, aus dem frischen Gemüse, das die anderen geerntet hatten, ein ordentliches Abendessen zu kochen, welches sie im Kreise ihrer Familie genießen würde.
Doch schon nach wenigen Schritten wurde sie der ungewöhnlichen und tiefgreifenden Stille gewahr, die über dem Anwesen lag. Keine Stimmen waren zu hören, kein Vogelgezwitscher, ja nicht einmal ein Lufthauch war zu spüren.
Und noch während sie eine düstere Vorahnung befiel, konnte sie die ersten Leichen im Garten ihres Hauses erkennen.
Ein unglaublicher Schock durchzuckte sie. Sie rannte los, doch blieb ihr am Ende nur der Horror eines unfassbar gnadenlosen und grauenhaften Schlachtfelds mit sieben Toten und einer furchterregenden Bestie von Wolf unter der ihr Schwiegersohn Arturo begraben schien.
Wenig später erschienen die Männer aus Mintia, die Arturo gefolgt waren. Sie waren augenblicklich geschockt von dem Anblick, der sich ihnen bot.
Natürlich fanden sie auch Zirani, die vor der Leiche ihres Mannes kniete, zu diesem Zeitpunkt bereits ihren Verstand verloren hatte und ihn Zeit ihres Lebens auch niemals wiederfinden sollte.
Als sie Arturo unter dem massigen Leib der Bestie begraben fanden, waren sie sicher, dass auch er tot war, doch zu ihrer Überraschung atmete er noch. Trotz schwerster Verletzungen war er noch am Leben, wenngleich dieses nur noch an einem seidenen Faden hing. Natürlich befreiten sie ihn sofort von der Bestie und während zwei Männer bei ihm eine laienhafte Erstversorgung durchführten, rannte ein anderer nach Durant, um den Arzt zu holen.
Die anderen Männer nahmen sich der Leichen an und legten sie nebeneinander auf die nahegelegene Wiese.
Dabei erkannte einer von ihnen den kleinen Kinderwagen am Rande des Waldes. Als er auf ihn zuging, sah er den Jungen, der friedlich und tief schlief.
Und so war Jacob, neben seinem Vater, der einzige Überlebende dieses unglaublichen Horrors, denn Ziranis wahnsinnige Existenz ließ sich nach diesem Vorfall kaum noch als lebendig bezeichnen.
*
Sechs Tage blieb Arturo ohne Bewusstsein, dann erst erwachte er.
In den ersten Momenten hatte er große Mühen, etwas zu erkennen, seine Augen schienen das Sehen verlernt zu haben. Dann aber schälte sich ein Krankenzimmer aus der Dunkelheit. Er hörte auch Stimmen. Aufgeregt und hektisch. Er versuchte sich zu bewegen, doch sein Körper war absolut taub.
Dann kehrten die Stimmen zurück und urplötzlich war sein Körper nicht mehr taub, denn eine mächtige Woge irrsinniger Schmerzen erfasste ihn und drohte, ihm den Verstand zu nehmen.
Einen Augenblick später aber wurde es wieder schwarz vor seinen Augen und er verlor erneut das Bewusstsein. Dass dies von einer Spritze mit starkem Schmerzmittel herrührte, die ihm sein behandelnder Arzt gegeben hatte, wusste Arturo natürlich nicht, doch war es in seiner derzeitigen Situation wesentlich besser, wenn er schlief.
Die nachfolgenden Tage und Wochen waren eine Mischung aus kurzen Wach- und langen Schlafphasen. Dann erst verschob sich alles zugunsten viel längerer Wachphasen.
Doch anstelle der körperlichen Schmerzen trat jetzt ein schrecklicher, seelischer Schmerz über den Verlust seiner geliebten Familie.
Der Arzt erklärte ihm, dass nicht alle gestorben seien und einen Augenblick später trat eine Krankenschwester mit seinem Sohn Jacob auf dem Arm ins Zimmer. Arturo befiel sogleich große Freude, die ihm die Tränen in die Augen trieb.
Von nun an arbeitete er sehr hart an seiner Genesung, denn ihm war klar, welch besondere Verantwortung er für seinen Sohn hatte.
Des Nachts aber, wenn alles still um ihn herum war, weinte er bitterliche Tränen und geißelte sich selbst mit den schlimmsten Beschimpfungen, die man sich nur vorstellen konnte.
Denn eines wusste Arturo nur zu genau: Der Tod seiner Frau und seiner Tochter und auch der Tod seines Schweigervaters, des Knechts und der beiden Mägde waren allein seine Schuld!
Er hätte seine Familie niemals mit nach Mintia nehmen dürfen, denn obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch nicht den kompletten Sachverhalt vor Ort kannte, so wusste er doch, dass es um eine mordende Kreatur mit offensichtlich magischen Fähigkeiten ging.
Viel schlimmer aber war seine Entscheidung gewesen, die Nachkommen der Bestie zu töten, um sie so zu reizen, damit sie zu ihm kam. Einzig Überheblichkeit in seine magischen Kräfte, gepaart mit Ungeduld und sogar Lustlosigkeit, hatten ihn dazu bewogen.
Seinen Irrtum mussten andere für ihn auf unendlich grausame und endgültige Weise bezahlen.
Ja, er war schuld am Tod all dieser Menschen. Er allein war dafür verantwortlich, dass seine Familie für immer zerstört war.
Im Grunde genommen war es fast so, als hätte er sie selbst getötet!
Diese furchtbare Erkenntnis brannte sich unauslöschlich in sein Hirn.
Arturo schwor sich, niemals wieder als Magier tätig zu werden und niemals wieder Magie anzuwenden.
Und seit jenem Tage hasste er sich selbst bis aufs Blut, für das, was er den Menschen, die er so unendlich zu lieben vorgab, angetan hatte.